Wahrscheinlich erweist sich die Größe eines Menschen auch dann, wenn er sich schwach zeigt. Herbert Riehl-Heyse war oft ängstlich, eitel, gefallsüchtig. Aber er hat das immer bekannt und etwas ausgesprochen, was die meisten Kollegen nur unter Folter zugeben würden: Er sei nicht zuletzt deshalb Journalist geworden, "um beachtet zu werden und sich wichtig fühlen zu können".

Er gehörte zu den Menschen, denen man nichts übel nehmen konnte – sei es, weil sie so entwaffnend ehrlich sind, sei es, weil man ihnen so deutlich anmerkt, dass sie andere Menschen in aller Regel mögen. Es ist gewiss nicht übertrieben, wenn man sagt, dass dieser Menschenfischer das Genre der Reportage in Deutschland erneuert hat: Er machte sich selbst zum Subjekt der Geschichte, und weil er seine Gefühle und Ansichten so deutlich offenbarte, wirkten seine Geschichten am Ende oft objektiver als jene, die eine besondere Überparteilichkeit beanspruchen. Dabei half ihm eine unnachahmliche Begabung zur Ironie (und zur Selbstironie), die ein Schutzmantel war, im Privaten wie im Beruflichen.

Denn er war ein verletzter Mensch. Im April 1945, kurz vor Kriegsende, als er selbst viereinhalb Jahre alt war, ermordeten SS-Leute seinen Vater im Hof des Landratsamtes von Altötting. Er hatte sich geweigert, für das letzte Aufgebot herhalten zu müssen. Natürlich wurde nie jemand für die Schüsse belangt, und Riehl-Heyse wuchs mit den Kindern jener Nachbarn auf, die diese Untat damals noch gefeiert hatten.

Seine Sanftmut, von der selbst jene noch profitierten, die er später in seinen Geschichten als besonders verwerflich beschrieb, hat Kraft gekostet. Wenn an der heiklen These etwas dran sein sollte, dass Krebserkrankungen auch psychische Auslöser haben könnten – Herbert Riehl-Heyse, der im April 2003 an einem besonders heimtückischen Darmtumor starb, wäre dafür eine furchterregende Bestätigung. Man fragte sich manchmal, ob er nicht vor Wut hätte explodieren müssen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

In späteren Jahren, besonders in den Jahren seiner Krankheit, widmete er sich mit großer Hartnäckigkeit den Wirrungen und Irrungen der journalistischen Branche. Niemand verteidigte so couragiert Menschen, die Opfer einer Kampagne geworden waren; da siegte sein Gerechtigkeitssinn über jedes Vorurteil. Journalisten, so eins seiner berühmten Aperçus, litten unter zwei Berufskrankheiten: Selbstüberschätzung – und Selbstunterschätzung.

Herbert Riehl-Heyse war wie wenige verwurzelt in seiner bayerischen Heimat, die er, halb erschrocken, halb spottend, lange Jahre als Beute der CSU beschrieb, jener Partei also, "die das schöne Bayern erfunden hat". Wobei Heimat hier auch die von ihm geliebte und ihn liebende Süddeutsche Zeitung meint. Als er im Jahr 1989 für vier Monate Chefredakteur des sterns wurde, hatte man den Eindruck, er sei schon auf der Fahrt im Nachtzug von München nach Hamburg eingegangen wie eine umgetopfte Zimmerpflanze.

Sechs Jahre nach seinem Tod spielen sich in den Medien Affären ab, die wahrscheinlich auch seine große Fantasie überfordert hätten (vom Schicksal der schrumpfenden CSU ganz zu schweigen): Vor neun Jahren machte er unter dem Titel Die Süßstoff-Offensive ein ARD-Papier öffentlich, das neue Richtlinien für Fernsehfilme und Hauptabendserien des Senders formulierte. "Unkompliziert" sollten sie sein, "einfach" und "klar" – eine Kampfansage an viele Filmemacher, die bis dahin angeblich die Zuschauer vergrault hatten mit "Lehrhaftigkeit" und "Tiefsinn". Verfasserin war unter anderen eine gewisse Doris J. Heinze. Als Fernsehspielchefin des NDR ist sie vor wenigen Wochen gefeuert worden, weil sie sich selbst und ihrem Gatten Drehbücher zugeschanzt hatte, für die sie selbst der Maßstab war.

Woran man merkt, dass jemand zum Vorbild taugt? Daran, dass niemand in der Lage ist, die Lücke zu füllen, die Herbert Riehl-Heyse hinterlassen hat.

Weitere Informationen:
Riehl in der Süddeutschen Zeitung
Herbert-Riehl-Heyse-Preis