Die Sozialdemokraten hatten ihn 1959 als Präsidentschaftskandidaten in Stellung gebracht – er verlor gegen Heinrich Lübke. Für die deutsche Nachkriegsgeneration verkörperte er ein untergegangenes Honoratioren-Ideal: der gebildete Herr Professor, der jenseits der angeblich schmutzigen Politik agiert. Aber Carlo Schmid stand mit beiden Beinen im Alltag der jungen Demokratie. Die Verfassungsidee des konstruktiven Misstrauensvotums geht auf seine Anregung zurück.

Carlo Schmid, 1896 in Perpignan als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter geboren, verkörperte die Exzellenz schwäbischer Aufklärungs- und Bildungsgeschichte, von Anfang an erweitert durch die Klarheit französischer Literatur und Philosophie. Seine Memoiren erwecken den Eindruck einer Kindheit in einer europäischen Bibliothek grenzenlosen Reichtums. Seine Jugend im Wandehttp://vivi.zeit.de/workingcopy/ldap.fecht/Vorbilder-Schmid/@@wysiwyg_edit.htmlrvogel, seine schwärmerische Nähe zum George-Kreis – dieses Glück der frühen Jahre wurde nach 1914 auf die härteste Probe gestellt. Und er hat sie überlebt ohne Hass auf die Nachbarn jenseits des Rheins – im Gegenteil. Carlo Schmids kritische Liebe zu Frankreich sollte dem geschlagenen Deutschland nach 1945 zum politischen Vorteil gereichen.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

In unserer Zeit, da der Vorwurf der "Bildungs- und Kulturbeflissenheit" einhergeht mit der Annahme, wer Musik höre und spiele, wer Bücher lese oder gar schreibe, sei untüchtig für die Anforderungen von Wirtschaft und Politik, heute also wirkt das Leben Schmids wie ein ferner Spiegel deutscher Geistesgeschichte. Und in der Tat schien er schon in den sechziger Jahren ein epochenversetzter Politiker zu sein, der allenfalls in seinem geliebten Frankreich Gesprächspartner wie André Malraux finden konnte.

Carlo Schmid, der in beiden Weltkriegen gedient hatte, war ein Quereinsteiger. Erst als 50-Jähriger verließ er, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, den "Elfenbeinturm" seines gelehrten Lebens, ausgerüstet mit den "Texten der großen Geister der Antike", die ihm, in seinen Worten, "einen Katalog von Mustern des Menschseins bescherten, der mir die Augen für den bunten Reichtum und die Widersprüche in der geschichtlichen Welt eröffnete. [...] Was ich vor mich hin lebte, war das Leben eines sehr weltlichen Hieronymus im Gehäuse. Ich fühlte mich dabei wohl bis zu dem Tag, da mir klar wurde, daß ein Leben, das nur sich selbst betrachtet, sich eines Tages im Bilde der Melancholia auf dem Blatt des Albrecht Dürer erkennen wird. Pure Betrachtung gibt dem Leben keinen Sinn. Sinn ist allein, wo einer das durch Betrachtung Begriffene ergreift und nach den Notwendigkeiten der Zeit in Taten umsetzt, die die Nöte der Zeit zu wenden vermögen." Und er fährt fort: "Ich werde also in die Politik gehen müssen."

In ihrem Heidelberger Programm von 1925 hatte sich die SPD zu dem Projekt der "Vereinigten Staaten von Europa" bekannt. Zwanzig Jahre später dachte Schmid an Europa als "eigenständige Kraft, die fest genug gefügt wäre, um imstande zu sein, den beiden Supermächten, die im Begriff waren, die Welt unter sich in Einflußsphären aufzuteilen, die Waage zu halten". Die Voraussetzung dafür, schreibt Schmid, sei die "Wiedervereinigung Deutschlands".

Er sollte sie nicht mehr erleben. Den Weg über die Montanunion und den Europarat bis zur Europäischen Union von heute hätte die SPD ohne den Wegweiser Carlo Schmid nicht so leicht gefunden. Seinesgleichen gibt es in keiner Partei mehr.

Weitere Informationen:
Carlo Schmid Stiftung
Schmid-Biografie