Müssen wir noch einmal an Sophie Scholl erinnern? Die Widerstandskämpferin feiern? Die junge Frau, Erzieherin, Philosophiestudentin, die mit ihrem Bruder und anderen Studenten der Weißen Rose im München des Jahres 1943 Flugblätter gegen die Nazis verteilte. Die als 22-jährige Frau dafür zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Wie oft haben wir davon gehört! Und natürlich auch den Film gesehen, Sophie Scholl – Die letzten Tage, und uns über dieses weitere Denkmal gefreut. Und sie beweint.

Dennoch kann die Antwort nur lauten: "Ja." Denn ihr Leben und ihre Tat fordern uns dazu heraus. Ihre Geschichte berührt uns immer wieder von Neuem. Wir bewundern sie, gerade weil wir wahrscheinlich nicht so gehandelt hätten wie sie.

Aber es ist nicht nur das Heldenhafte, das an der Figur der Sophie Scholl so fasziniert – sie ist eine Heldin, das ist gewiss. Doch sie war keine Lichtgestalt, sondern eine junge Frau, die zunächst auf die Verführungen der Nazis hereinfiel. Dann kamen die Zweifel, die Fragen, dann begann sie die große Lüge zu durchschauen und zog die Konsequenz aus dieser Erkenntnis.

Es ist ihr Handeln, das wir bewundern; Menschen wie sie ermutigen uns heute dazu, Widerstand zu leisten, gegen Unrecht zu opponieren. Dabei war eben nichts an ihr überirdisch, übermenschlich. Sie war ein ganz normaler Teenager. Obwohl oder gerade weil sie als jüngste Tochter der Familie sehr behütet in Ulm aufwuchs, rebellierte sie gegen die Eltern – so wie es Teenies nun einmal tun. Der Vater Robert Scholl, ein liberaler Politiker, stand den Nationalsozialisten von Anfang an ablehnend gegenüber, konnte sich aber gegen die einhellige Begeisterung seines Nachwuchses für die "neue Bewegung" nicht durchsetzen. Mutter Magdalena, eine gutmütige, aber sehr blasse Diakonisse, hatte noch weniger Einfluss auf die Kinder.

Sophie eiferte den älteren Geschwistern Inge und Hans nach, die sich für das neue Reich begeisterten und wie so viele andere von dem hohlen, uniformierten Jugend- und Führerkult korrumpiert wurden. Erst später, als Philosophiestudentin an der Münchner Universität, sollte sie Gauleiter Paul Giesler sagen hören, was die Nazis von deutschen Frauen erwarteten: Kinder zu gebären. Für Deutschland, für den "Führer", für den Krieg.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Aber zunächst musste es zur Rebellion gegen die Eltern und deren Weltbild kommen: Sie ließ sich einsaugen vom faschistischen Gemeinschaftsideal und trat dem Bund Deutscher Mädel bei. Nachdem sie als 15-Jährige mehrere Wochen inhaftiert wurde, weil sie sich auch weiterhin in der Bündischen Jugend engagierte, schwand ihr Glaube an Hitler-Deutschland. Sophie begann, die Erziehung der Nazis zu hassen. All dieses Singen und Sporttreiben passiere doch nur, "damit niemand auf dumme Ideen kommt", schrieb sie ins Tagebuch – also auf eigene.

Sophie Scholl und die anderen Widerstandskämpfer der Weißen Rose haben diese eigenen Ideen entwickelt. Die Grundlage für dieses mündige Denken war, dies ist die Ironie, in der Rebellion gegen die Eltern gelegt worden, die ja von Anfang an gegen die Nazis waren. Sophie Scholl musste zunächst quasi von rechts gegen die Eltern opponieren, um später die ganze Dummheit und Menschenverachtung der Nationalsozialisten für sich zu entlarven.

Bei der bloßen Entzauberung blieb es nicht. Sophie ging weiter und versuchte, Denken und Handeln in Übereinstimmung zu bringen – ein menschlicher, aber auch naiver Impuls zu einer Zeit, in der das lebensgefährlich werden konnte. Es war lebensgefährlich, Hunderte Briefmarken zu kaufen, um Flugblätter zu verschicken; es war gefährlich, "Nieder mit Hitler" an Häuserwände zu schreiben. Aber sie blieb dabei, auch als sie von der Gestapo verhaftet und verhört wurde: "Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich auch jetzt noch der Meinung sei, richtig gehandelt zu haben, so muss ich hierauf mit Ja antworten."

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