Aufstehen, Herr Schopenhauer, Sie dürfen wieder zurück ins Leben.
Verdammt noch mal, das ist ja wohl der übelste Witz, den ich seit Jahrhunderten gehört habe.
Nein, wirklich, im Wintersemester 2059/60 können Sie an der Humboldt-, Entschuldigung, Berliner Universität noch mal Vorlesungen halten. Ihre alte Wirkungsstätte!
Na prima. Wird denn der elende Hegel mit seinen wirren Eseleien auch wieder da sein?
Nein, diesmal nicht.
Ah! Ach so? Na dann...

Die reine Freude wäre eine Rückkehr in diese Welt für Arthur Schopenhauer nicht. Kein anderer Philosoph, kaum ein Schriftsteller hat so ausgiebig und eindringlich die Qualen der Existenz beschrieben wie er. Das "Nichts", in dem er sich derzeit befinden dürfte, hat er sein Leben lang mit deutsch-buddhistischer Gründlichkeit als Idealzustand gepriesen und für sich selbst angestrebt. Warum sollten wir ausgerechnet ihn ins problematische Sein zurückholen?

Vor allem, um ihn lautstark gegen Dummheiten aller Art poltern zu lassen. Ganz sicher wird die künftige Menschheit Schopenhauers klare Sprache und seine tieferen Einsichten dringend benötigen. Und als zeitgereister Neuankömmling wäre er sofort in seinem Element, denn ein Außenseiter war er schon zu Lebzeiten.

Hohn und Spott goss er über die "Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren". Sein Metier war handfesterer Art. Na schön, auch er hat ein philosophisches System errichtet, ein historisch bedeutsames sogar, in Kurzform: Hinter allen Erscheinungen der Welt erkannte Schopenhauer als das "Ding an sich" den (blinden, unbeherrschbaren) Willen, der überall in der Natur wütet, somit auch im Menschen. Sigmund Freud nannte dieses Ding später "Trieb" und würdigte Schopenhauer ausdrücklich als seinen Vorläufer.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Aber noch mehr "Systeme" wird die Welt von morgen bestimmt nicht brauchen. Sondern: einen ungehobelten Kritiker, einen völlig unabhängigen Denker, einen Schopenhauer. Dieser Meister der deutschen Sprache schimpft, donnert, grantelt, argumentiert, wie es heute schon keiner mehr kann, im gepflegten Bizness-Denglisch der Zukunft es erst recht niemand mehr können wird.

Nachdem er sein Philosophenleben lang das "nothwendige Unglück" des menschlichen Daseins nachgewiesen hatte, verfasste Schopenhauer als alter Mann eine Art Selbsthilfe-Bestseller, die wunderbaren Aphorismen zur Lebensweisheit. Als einzigen Weg zum erträglichen Leben empfahl er – inspiriert, wenn nicht erleuchtet durch die Lektüre indischer Weisheitslehren – die konsequente Vermeidung von Unglück durch die "Verneinung des Willens". Der gaukle einem, blind und eigennützig, wie er ist, doch ständig nur Glücksillusionen vor. "Ein glückliches Leben ist unmöglich", predigte Schopenhauer, das Beste, was der Mensch erreichen könne, sei die Abwesenheit geistiger und körperlicher Schmerzen.

Das mag so sein oder auch nicht. Zum Weltwunder wird Schopenhauer dadurch, dass ausgerechnet er mit all seiner teutonisch polternden Wortgewalt fernöstliche Transzendenz in den Westen importiert hat. Aus seiner Aneignung des "Buddhaismus" entwickelte er eine Mitleidsethik, die buchstäblich keiner Fliege etwas zuleide tun konnte (anders als den Menschen, denen er verbal gern einiges zuleide tat). Dem Materialismus, dem Statusdünkel, den Zerstreuungsgelüsten seiner Zeit setzte Schopenhauer die radikale Besinnung auf innere Werte entgegen: die Konzentration auf das, "was einer ist", im Gegensatz zu dem, was einer besitzt oder nur zu sein vorgibt. "Was einer ist", sei zwar weitgehend "von der Natur" bestimmt, lasse sich aber durch "geistige Genüsse" ein wenig beeinflussen. Diese Genüsse seien zudem das beste Mittel gegen das "Grundübel des Lebens", die früher oder später – gerade im materiellen Überfluss – einsetzende Langeweile.

Nicht nur die Nachwelt könnte viel von Schopenhauer lernen, sondern auch Schopenhauer viel von der Nachwelt. Seine berüchtigte Verachtung der "Weiber" etwa, ein Spiegel des deprimierenden Frauenbildes seiner Zeit, müsste sich emanzipierten Gegenbeweisen stellen. Stoff für eine Komödie.

Schon in den 1840ern wetterte Schopenhauer auf bis heute beglückende Art gegen die verlockendsten Irrwege der irdischen Existenz. Den Konsumismus der Moderne kannte er da noch gar nicht, die flächendeckenden Glücksverheißungen der Werbung, den Hedonismus der Popkultur. 2059 könnte Arthur Schopenhauer richtig loslegen.

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