Schon merkwürdig, dass dem Architekten Fritz Schumacher der Ruhm Karl Friedrich Schinkels bis heute verweigert wird – obwohl der Hamburger Baumeister ein einzigartiges komplexes Werk von ähnlicher Qualität zustande gebracht hat wie der Berliner. Genau vor hundert Jahren gefiel es dem Senat der Hansestadt, diesen schon berühmten, sehr beliebten Professor aus Dresden zum Baudirektor zu ernennen. Der Berufene enttäuschte seine skeptischen Mentoren nicht: Er schuf das moderne Hamburg. Sein Leben und sein Werk erinnern daran, dass Investoren zwar Häuser bauen können, aber keine Städte. Dazu braucht es Menschen, braucht es Künstler wie ihn. "Soziales und Ästhetisches", schreibt er 1920, müssen "ineinander greifen, und diese Vereinigung ist ja das, was wir Kultur nennen".

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Früh erzogen zu selbstständigem Handeln, war der in Bremen geborene, im Ausland aufgewachsene Diplomatensohn ein blendender Schüler. Den Architekturstudenten reizte der Umgang mit Künstlern jedweder Profession, er schrieb selber Dichtung und inszenierte Dramen. 1901 vertraute die TH Dresden dem 32-Jährigen eine Professur an. Er las in überfüllten Hörsälen, reformierte das verkrustete Architekturstudium, engagierte sich für den Deutschen Werkbund. 1909 dann der Wechsel nach Hamburg. Schumacher entwarf etliche öffentliche Gebäude der Stadt, von der Oberfinanzdirektion am Gänsemarkt bis zur legendären Davidwache an der Reeperbahn, auch an die vierzig – heute noch international bewunderte – Schulen.

Und mehr als das: Unter Beteiligung der fähigsten Hamburger Architekten schuf er viele schwungvoll gegliederte, harmonisch der Stadt eingefügte soziale Siedlungen. Denn für Schumacher, den Reformer und Menschenfreund, war die Stadt ein gemeinnütziger Organismus. So zahlte es sich aus, dass er dem störrischen Senat 1914 die Verantwortung für die gesamte Stadtplanung hatte abtrotzen können. Sein visionäres, beherzt in die Umgebung langendes Stadtentwicklungsmodell gilt heute noch – so wie die Stadt Köln noch immer von Schumachers Planungen (mit dem "Grüngürtel") zehrt, für die ihn die Domstadt drei Jahre lang von Hamburg ausgeliehen hatte.

"Nebenbei" schuf er, der von den Nazis angefeindet und 1933 entlassen wurde, ein erstaunliches literarisches Werk: mehr als dreißig Bücher, darunter Essays über Architektur, über Kunst, ach, über alle Künste, über Kulturpolitik und Kunsterziehung; er schrieb Gedichte und Reiseberichte, einen Roman, allerlei "Träumereien" und "Selbstgespräche", philosophische Betrachtungen, ein Festspiel gar.

Erscheinungen wie Schumacher sind rar. Begreiflich also der Traum, jemandem wie ihm, in welcher unserer Großstädte auch immer, neuerlich zu begegnen: einem so wissbegierigen, tatkräftigen, so umfassend gebildeten, weltoffenen, zukunftsfrohen Architekturanreger und Stadtgestalter. Denn seine Stadt sollte nicht nur Bedürfnisse befriedigen und Funktionen bedienen, nicht nur "Lebensumfeld" sein, sondern ein Kunstwerk für die Menschen.

Weitere Informationen:
Über Architektur, von F. Schubert
Fritz Schumacher Gesellschaft
Wikipedia