Albert Schweitzer ist auf zwei Feldern so herausragend hervorgetreten, dass er bereits dort ohne Weiteres als Leuchtturm in Erinnerung bleibt: Zum einen hatte der im elsässischen Kaysersberg geborene Schweitzer Theologie studiert und es nach einer Promotion zum Doktor der Philosophie, sodann der Theologie gebracht; es folgten alsbald theologische Habilitation und die Arbeit als Privatdozent an der Theologischen Fakultät zu Straßburg .

Zugleich aber hatte sich Albert Schweitzer zum Orgelvirtuosen herangebildet und 1908 eine voluminöse Biografie Johann Sebastian Bachs veröffentlicht, die für seine Zeit sensationell und auch heute noch als originell zu lesen ist, weil sie erstmals die Bachsche Motivsprache analysiert. Außerdem erkannte er früh den Substanzverlust, der mit der Modernisierung der Orgeln im Übergang zum 20. Jahrhundert zu quasisinfonischen Maschinen verbunden war; er kämpfte daher sehr energisch und wirkungsvoll für die Bewahrung wichtiger Instrumente und fachte damit die "Orgelbewegung" an.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Dies alles hätte längst für ein kapitales Lebenswerk ausgereicht. Doch Schweitzer hatte bereits mit 21 Jahren beschlossen, sich nach seinem 30. Geburtstag dem "unmittelbaren Dienen" zuzuwenden, wie auch Nils Ole Oermann in seiner jüngst erschienenen Biografie Schweitzers festhält. Deshalb begann er an dieser Lebenswende mit dem Studium der Medizin, wurde auch in diesem Fach, also zum dritten Mal promoviert, durchlief eine tropenmedizinische Zusatzausbildung – und gründete im afrikanischen Gabun das Krankenhaus von Lambarene.

Als "Urwalddoktor" wurde er in der ganzen Welt bekannt, insgesamt 14-mal kehrte er nach Europa-Aufenthalten, während deren er für seine Klinik warb und mit Orgelkonzerten Geld dafür einspielte, an diesen Ort zurück, in dem er am 4.September 1965 gestorben ist und auch begraben wurde.

War er für viele so etwas wie ein Heiliger geworden (für manche übrigens auch ein naiver Heiliger, vor allem wenn er sich in politischen Fragen äußerte), so zog er später auch Kritik auf sich von jenen, die ihm in seiner Krankenhausarbeit sozusagen kolonialistisches Patriarchentum und Primitivmedizin vorhielten.

Darüber mögen inzwischen die Historiker des Kolonialzeitalters und der Medizin ihre abständigen Aufsätze schreiben – oder längst geschrieben haben, vor allem vom sicheren und bequemen Schreibtisch aus.

Ein Vorbild bleibt Albert Schweitzer über allen geschichtlichen Abstand hinaus aus zwei Gründen: Da stand jemand – und steht in der Erinnerung immer noch – vor uns, der sein Leben nicht allein als grandiose Veranstaltung der Selbstverwirklichung führen wollte, als Universitätslehrer und Künstler; und was das angeht, hatte er, wie gesagt, die allermeisten von uns schon in jungen Jahren weit überflügelt. Sondern Schweitzer wollte sein weiteres Leben entschieden in den Dienst am andern, an den vermeintlich Niedrigen stellen.

Und es steht eine Persönlichkeit vor uns, die über Humanität nicht nur gescheit redete und publizierte, sondern die wusste: Es kommt darauf an, dass man etwas tut. Dass er dabei kein über allem schwebender Heiliger war, sondern ein Mensch mit Kanten und Schwächen – das gerade erst macht es möglich, ihn als Vorbild zu begreifen.

Ein Letztes in diesem Zusammenhang: Albert Schweitzer wurde als deutscher Staatsangehöriger geboren, als solcher reiste er nach seinen drei Studien von 1913 bis 1917 zum ersten Mal nach Lambarene. Erst 1920 wurde er, der sich stets einen alemannischen Charakter zuschrieb, mit dem Versailler Vertrag zum Franzosen. Aber wahre Vorbilder können sich alle Nationen teilen.