Kuhu kuhu, rrt-rrt! Schwii-It schwii-It, ters-ters, ters-ters! Man muss nur den Namen dieses Künstlers hören, schon weicht der hohe Ernst, schon spürt man die Lust am Zischen, Zirpen, Flöten, Gurren, am Zerpflücken der Wörter, am Zerschnippeln der Bilder, an jenem wunderbar gepflegten Unsinn, mit dem sich Kurt Schwitters einst die eigene Weltordnung zusammenreimte und -leimte. Er selber taufte sich Kuwitter.

Alles war dieser Kuwitter: ein Mann mit "siebenundzwanzig Sinnen", Maler, Sammler, Bastler, Werbegrafiker, Dichter, Romanautor, Architekt, der Geliebte von Anna Blume – doch Vorbild? "Kraff / püsch / kraff", hätte er mit seinem Hustenscherzo geantwortet.

Nein, seine Kunst, dessen war Schwitters gewiss, sei ein "absolut individueller Hut, der nur auf einen einzigen Kopf passte". Sollten die anderen, die Futuristen, Surrealisten, Konstruktivisten, sich zu großen Bewegungen verbünden, sollten sie davon träumen, die Welt durch Kunst zu erneuern – Kurt Schwitters, 1887 in Hannover geboren, war sich selbst Bewegung genug.

Er wollte kein Heros sein, kein Utopist, wollte sich nicht einspannen lassen für hehre Ideale. Die Kunst war ihm Mittel und Zweck genug, "erhaben über alle Plakate, ob sie für Sekt, Dada oder Kommunistische Diktatur gemacht sind".

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Prompt wurde Schwitters von Kollegen verhöhnt, er sei eben ein "Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution", ein stiller Nebelwanderer, nicht gemacht für die Stürme des Jahrhunderts. Doch was als Spott gemeint war, gleicht heute einem Kompliment. Schwitters war nicht der Missionar einer höheren Wahrheit, doch er bewahrte sich eine hohe Hoffnung, romantisch grundiert: "Beziehungen zu schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt."

Also leimte er die Bruchstücke der Welt – "vom Doppelschienenschweißer bis zur Dreiviertelgeige" – in lauter wunderlichen Collagen der Alltäglichkeit zusammen und baute sein Haus in der Hannoveraner Waldhausenstraße 5 zu einer bewohnten Skulptur um, zu einer Art Gesamtkunstwerksgrotte aus "Latten, rostigen Schrottteilen, Familienporträts, Federungen, Zeitungen, Zement, Farben, Gips und Leim, viel Leim, viel Leim" (Hans Arp). Und weil er sich dabei nie in irgendeine Ideologie verbohrte, hatte seine Neugier freies Spiel. Alles war ihm Material, alles war Merz, so nannte er das. Und so formte er noch aus den absurdesten Klängen eine Ursonate: "bö fümms bö wö tää zää".

Nichts fesselte ihn so sehr wie das Absurde, das Beiläufige und Banale – und gerade deshalb konnte Schwitters zum heroisch-unheroischen Urvater der wichtigsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts werden: zum Grenzüberschreiter, Gattungsüberwinder, zum Papa der Pop-Art, der Performance, des Nouveau Réalisme, der Fluxus-Kunst. Selbst Gegenwartskünstler wie Jonathan Meese oder Gregor Schneider sind Kuwitters im Geiste. Schwitters wollte nie Vorbild sein und ist es bis heute.

Anders allerdings als viele Zeitgenossen verlegte er sich nie aufs willkürliche Anhäufen, aufs nimmersatte Einverleiben, auf Materialschlachten ohne Anfang und Ende. Einerseits wollte er die "Befreiung von jeder Fessel". Andererseits donnerte er schwittrig-gewittrig: "Freiheit ist nicht Zügellosigkeit, sondern das Resultat strenger künstlerischer Zucht."

Der Unsinnsenthusiast als Zuchtmeister? Er ahnte offenbar, was heute vielerorts zu besichtigen ist: dass völlige Freiheit für die Kunst bedrohlich sein kann, weil sie leicht abrutscht ins Geplänkel, ins Beliebige. Nichts fürchtete Schwitters mehr als Willkür, deshalb die Zucht, deshalb das Beharren auf Komposition, auf Spannung, auf einer Kunst, die Beziehung sucht. "Das Ziel ist ernst, der Weg humorvoll" – und Schwitters damit ein wahres Vorbild. "tesch / haisch / tschiiaa" (Niesscherzo).

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