Der junge Rudolf Virchow hätte die Medizin anno 2009 wohl nicht lange unkommentiert gelassen. "Ihr Ärzte", hätte er den ärztlichen Kollegen auffahrend, rhetorisch brillant entgegengeschleudert, "ihr seid zu einem Anhängsel des Kapitalismus verkommen. Natürliche Anwälte der Armen solltet ihr sein."

Virchow, geboren in 1821 in Schivelbein, Pommern, war ein Rebell, ein Schwärmer und darüber hinaus ein scharfsinniger Wissenschaftler. Er verfolgte nicht nur den Kampf für eine größere Wissenschaftlichkeit in der Medizin, sondern machte zum ersten Mal darauf aufmerksam, dass Krankheit oft das Ergebnis der Lebensumstände ist. Dass Gesundheit nur dort gedeiht, wo Bildung, Freiheit und gute Ernährung herrschen. "Die medicinische Wissenschaft", stellte Virchow fest, "ist in ihrem innersten Kern und Wesen eine sociale Wissenschaft."

Es war in den Vortagen der Märzrevolution von 1848. Im Deutschen Bund lag Umsturz in allen gesellschaftlichen Bereichen in der Luft. Noch hadert der junge Rudolf Virchow mit seiner Karriereplanung. Der angehende Arzt erwägt eine Militärkarriere, die übliche Laufbahn für einen preußischen Arzt Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber sollte er wirklich den Weg des geringsten Widerstandes gehen, tun, was alle tun? Gerade hat der 23-Jährige bei seiner ersten Assistenzarztstelle ein wenig wissenschaftlich arbeiten dürfen, mikroskopieren, systematisch forschen. Sollte er in den neuen Berufsstand eines "Wissenschaftlers" wechseln? Es wäre ein Schritt in die Ungewissheit. Aber gerade das lockte. Er wolle sich "von der Menge der Alltagsmenschen" abwenden, schrieb er 1845 seinem Vater.

Fünfzig deutsche Vorbilder von gestern – für die Welt von morgen © Corbis

Ein paar Jahre später sterben in Oberschlesien 16000 Menschen an Fleckfieber. Nervös geworden, schicken die Behörden Rudolf Virchow mit einer Untersuchungskommission in das Seuchengebiet. Der junge Arzt stößt auf Hungersnot und Lethargie. Die viel gelobte preußische Verwaltung hat jahrelang nichts als große Mengen voll beschriebenen Papiers produziert. Virchow ist erschüttert. Er beklagt die absurde Konzentration von Kapital und Land in der Hand von Einzelnen, schimpft über die "feudale Aristokratie" und fordert Demokratie.

Dieser preußische Che Guevara zieht sich nach der Analyse nicht in Studierstube oder Labor zurück. Er handelt, geht wie ein heutiger Aktivist vor und in Berlin auf die Straße – und baut dort Barrikaden.

Die Politik, sagt Virchow, sei weiter nichts "als Medicin im Grossen". Der proletarische Akademiker hält Brandreden, die manchen Kollegen vor den Kopf stoßen. Er gründet die Deutsche Fortschrittspartei, berät Regierungen in Seuchenfragen, setzt sich für Kanalisation, sauberes Wasser und kommunale Krankenhäuser ein. Doch nach einigen Jahren erträgt er das politische Tagesgeschäft mit seinen Kompromissen nicht mehr. Er zieht sich zurück, beschreibt erstmals die Leukämie und betäubt seinen Frust mit erheblichen Mengen Berliner Weiße.

Rudolf Virchow hat einer Medizin den Weg bereitet, die nicht nur die Gesundheit Einzelner, sondern die der Massen im Blick hat. Die Nationalsozialisten pervertierten diesen Ansatz, richteten die Medizin auf den sogenannten Volkskörper aus. Das Individuum zählte nicht mehr. Nach dem Krieg verschwand die gesellschaftliche Dimension von Krankheiten aus dem akademischen Blick und führte nur eine Randexistenz als Sozial-, Arbeits- und Umweltmedizin. Die einstmals von Rudolf Virchow begründete "öffentliche Gesundheitspflege" reduziert sich auf so etwas wie die Hygieneüberprüfung von Imbissstuben.

Heute dominiert der individualistische Ansatz. Die Ärzte haben den Blick für das Ganze verloren. Damit ist fast alles, wofür Virchow unerschrocken gefochten hat, verloren gegangen. Erst allmählich entdecken Politiker und Ärzte neuerdings den Nutzen der "öffentlichen Gesundheitspflege" wieder. Ein revolutionäres Kraftzentrum aber hat diese ganzheitliche Medizin noch lange nicht – dafür fehlt eine Figur wie Rudolf Virchow.

Weitere Informationen:
Virchow-Zentrum Uni Würzburg
Wikipedia