Perry ist neun Jahre alt, er hebt die weiße Spitzengardine und deutet nach unten auf die Kreuzung, an der die schmale Charlottenstraße in eine Hauptverkehrsstraße mündet. Da! Neben einem dürren Baum auf dem Bürgersteig brennt ein Grablicht. Dort starb ein Rocker der Bandidos, nachdem er aus dem gegenüberliegenden Clubheim gekommen war. Der Täter, ein Hells Angel, hatte ihm aus einem fahrenden Auto in den Kopf geschossen.

Perry weiß nicht wirklich, was ein Bandido oder was ein Hells Angel ist, er weiß nicht einmal so genau, was ein Clubheim ist, aber er hat den Mann am Boden gesehen. Das war am 8. Oktober, im Duisburger Stadtteil Hochfeld.

Der Bandidos Motorcycle Club, gegründet 1966 in Texas, ist seit zehn Jahren in einigen deutschen Städten unterwegs. In Nordrhein-Westfalen soll es 200 Bandidos geben, schätzt die Polizei. Ein Bandido fährt Harley und trägt eine Lederweste mit einem dicken Banditen auf dem Rücken. Darin ist er den Hells Angels nicht unähnlich, deren Club 1948 in Kalifornien gegründet wurde und auf deren Lederweste ein Totenkopf zu sehen ist.

Viele Geschichten erzählt man sich über diese Motorradclubs. Welche stimmen, welche nicht? Fest steht, dass die Hells Angels und die Bandidos verfeindet sind. Im Juni 2008 wurden in Münster zwei Bandidos zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie einen Hells Angel in seinem Motorradladen erschossen hatten.

Der Todesschütze vom 8. Oktober stellte sich am nächsten Tag der Polizei. Drei Wochen später, am Abend des 31. Oktober, sah der Junge aus der Charlottenstraße wieder aus seinem Fenster. Perry sah, wie 60 Rocker mit Schlagstöcken und Baseballschlägern aufeinander losgingen. Die Scheiben des Clubheims gingen zu Bruch. Perry hatte schon Angst, aber er sah eine ganze Weile zu. Seine Mutter war bei der Arbeit, bei Burger King in der Innenstadt, nicht weit entfernt. Fünf Minuten sind es zum Sonnenwall, wo die Fußgängerzone beginnt. Aber hier, die Charlottenstraße, sagt Perrys Mutter, "das ist keine gute Gegend", und deshalb möchte sie in der Zeitung nicht mit ihrem Namen stehen.

Die Rocker tun, wonach ihnen ist. Was sollen die Anwohner tun, viele Migranten? Sie ducken sich und hoffen, dass es nicht schlimmer wird.

Am Nachmittag liegt die Straße still da. Kein Passant ist zu sehen, das Rotlichtviertel ruht sich aus. Es gibt etliche Bordelle, manch anderes Haus ist nicht mehr bewohnt. An einem Eingang hat sich jemand die Mühe gemacht, "leer" auf jedes Klingelschild zu schreiben.