ZEITmagazin: Sie reisen als gläubiger Katholik in die Welt des Dalai Lama, leben 40 Tage in seinem Kloster und kehren spirituell erneuert zurück?

Stephan Kulle: Mein Wissen über die Spiritualität des Ostens war Studien- und Erzählwissen. Doch wollte ich erfahren, was macht sie, was macht die Menschen aus, die sie verkörpern, und warum ist dies alles so attraktiv für den Westen? Was liegt unter dem Lächeln des Dalai Lama?

ZEITmagazin: Im Westen löst er bisweilen schon Spott aus.

Kulle: Den Komischen, den Kindlichen habe ich auch erlebt, doch im nächsten Augenblick wird er ganz still, alle werden still, er hält wie mit einer Hand ein Karussell an. Dann sagt er ein paar Worte, man sieht diesen Mann wachsen. Er wechselt spielerisch vom "quietschfidelen Mönch" zum "Gottkönig", erst in diesem Wechsel der Persönlichkeiten erfährt man die ganze Person.

ZEITmagazin: Konnten Sie eine Schnittmenge identifizieren zwischen dem, was man im Christentum und im Buddhismus Spiritualität nennt?

Kulle: Die Fähigkeit, sich zu transzendieren, in spirituelle Welten hinüberzugehen, die wir für unmöglich halten. Wo das Ende der Fahnenstange der christlichen Glaubenspraxis erreicht scheint, geht es dort erst richtig los.

ZEITmagazin: Ein großes Wort.

Kulle: Ich saß mit einem alten, todkranken Mönch auf dem Dach des Klosters, schaute mit ihm zum Himalaya, er drückte mir drei Finger auf die Stirn, schickte mich in einen anderen Zustand. Ich habe im Priesterseminar Meditation gelernt, aber das war nichts dagegen. Das kann hier keiner. Hier höre ich von Exorzismus und Blut weinenden Gipsfiguren der Muttergottes, aber dort erlebte ich eine Einpflanzung, die ich heute noch aktivieren kann.

ZEITmagazin: Was passiert in diesem Zustand?

Kulle: Ich denke nicht. Ich denke nicht einmal, dass ich nicht denke. Ich saß als Europäer, als Theologe, auch als Journalist da und dachte: Machen die sich lustig über dich? Es widerspricht unserem Verstand, da kriegt man mal eben einen Beweis für eine Wiedergeburt.

ZEITmagazin: Wie?

Kulle: Ein zehnjähriger Mönch erkennt eine Musik wieder, die er nicht kennen kann! Er identifiziert auch den Sonnengesang des heiligen Franziskus...