Vier Stunden dauert die Fahrt von Shkodra nach Theth. Vier Stunden für 70 Kilometer auf einer lausigen Piste, die sich die Albanischen Alpen hinaufschraubt. Ein Gerumpel über Schlaglöcher, bei dem Melonen unter den Sitzen des Kleinbusses hin und her rollen und ein Junge das Mittagessen häppchenweise aus dem Fenster kotzt. Täler schrumpfen, Berge wachsen. Immer dichter rücken die Türme und Hörner des schroffen Felsmassivs zusammen, an dem sich hartnäckig Schnee festkrallt. Dann, eingekeilt von 2700 Meter hohen Bergen, überdacht vom Stahlblau des Himmels, öffnet sich ein grünes, tief eingeschnittenes Tal. Eine Handvoll verstreute Steinhäuser liegen darin. Ein Fluss rauscht hindurch. Auf Lattenzäunen hängt Wäsche. Frauen mit weißen Kopftüchern gabeln Heu. Unter Mirabellenbäumen schnattern Gänse. Pferde grasen. Ein Kind jagt ein Schwein. Eine Welt wie aus einer Erzählung Astrid Lindgrens.

Nicoli, das blonde Haar noch nass vom Baden im Fluss, steht bereits an der Brücke, so wie jeden Tag, wenn der Kleinbus aus Shkodra gegen Mittag am Ufer hält. Der Junge hat blaue Augen und trägt eine rote Badehose. Im Schubkarren, neben ihm, sitzt sein jüngerer Bruder Francesco und wirft mit Tannenzapfen nach Hühnern. Die beiden warten auf Touristen. Sie sind Guides, Dolmetscher, sie arrangieren Unterkunft und Essen, sie wissen, wer den Schlüssel für die alte Holzkirche aufbewahrt, sie kennen den kürzesten Weg ins benachbarte Valbonatal, würden ihn auch finden, wenn sich die Dunkelheit über die Berge gelegt hätte und nichts mehr zu sehen wäre außer den Sternen und dem Schimmer der Kerzen in den Häusern. Nicoli ist elf Jahre alt, Francesco sieben. Sie und die anderen Kinder sind die Mittler Theths – die Einzigen, die Englisch, die Sprache der Touristen, sprechen.

Seit drei Jahren unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) das Dorf nahe der montenegrinischen Grenze. Sanfter Tourismus soll die Unberührtheit dieser abgeschiedenen Bergwelt bewahren, Lebensgrundlage und Tradition der Menschen sichern. Als Ismail Beka, Projektverantwortlicher der GTZ in der Hauptstadt Tirana, den Bewohnern die Idee bei einem Treffen vorstellte, als er von Chancen und Zukunft sprach, schüttelten die Leute ungläubig den Kopf. "Wir sind arm", sagten sie, "haben keine Arbeit, keine Straßen, kein Telefon, keine Ärzte, selten Strom, und unsere Häuser zerfallen. Man hat uns vergessen." Und nun sollten Touristen aus der ganzen Welt kommen? An diesen Ort, an den einst Bauern vor den Türken flohen, weil sie ihren katholischen Glauben in Freiheit leben wollten?

Noch immer liegt Theth wie eine in Bernstein eingeschlossene Pflanze da, vom Rest der Welt weggesperrt wie einst ganz Albanien, das Enver Hoxha, paranoider Staatschef und letzter stalinistischer Diktator, in ein Gefängnis verwandelte und mit 700000 Bunkern überzog. Es war die Zeit, da Pferde Pflüge zogen in Theth, Männer und Frauen die Saat ausbrachten. Sie schnitten das Korn mit der Sichel, droschen es mit Knüppeln, schlugen Holz, und über der Feuerstelle buken sie Brot. Manchmal gingen die Männer in die zwei Tage entfernte Provinzhauptstadt Shkodra, um Käse, Fleisch und Honig zu verkaufen oder ihre Produkte zu tauschen gegen Kleider und Schuhe, falls es in den Geschäften Kleider und Schuhe gab.

So war das Leben in Theth. Kolchosen sollten die Revolution und das Volk ernähren. Doch dem Volk fehlte es an allem, an Butter und Fleisch, selbst Brot wurde rationiert. 1985 starb Enver Hoxha und hinterließ ein Land mit kaum vorhandener Infrastruktur, in dem 2000 Autos über eine Handvoll Straßen rumpelten, in dem Kirchen und Moscheen als Lager und Turnhallen dienten und ärmlich bekleidete Arbeiter in maroden Gebäuden lebten und nicht wussten, woher sie Ersatzteile beschaffen sollten, wenn in der Wohnung ein Rohr leckte oder der Gasherd nicht funktionierte. 1990 brach der Kommunismus endgültig zusammen. Wer konnte, machte sich davon – illegal über die Grenze, nach Italien und Griechenland. Die meisten der tausend Bewohner suchten Arbeit in Shkodra. Theth war ein Geisterdorf. Und das wäre noch immer so, hätte Ismail Beka aufgegeben.

Die sieben Familien, die das ganze Jahr über am Ort leben, nahmen am Projekt der GTZ teil, renovierten ihre Häuser, bauten Gästezimmer. Letzten Sommer kamen 5000 Besucher. Das ist nichts, gemessen an den Hunderttausenden, die an die Riviera Albaniens strömen. Für Theth aber war es eine Invasion. Fast alle Besucher stammen aus dem Ausland, aus den USA, Israel und Europa. Sie kommen, weil sie hier intakte Natur und einfaches Leben antreffen, weil sie erfüllt sind von einer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Inzwischen haben viele Familien des Dorfes nachgezogen, weitere Privatunterkünfte sind entstanden, und alle Wanderwege wurden markiert. "Theth ist zum Vorzeigemodell für sanften Tourismus in Albanien geworden", sagt Ismail Beka. Noch sind keine Hotels geplant, noch werden Felder bestellt, Kühe gemolken, selbst die alte chinesische Wasserturbine dreht sich weiter und versorgt die Häuser mit zitterndem Strom.

Prekë Harusha, 51, in den schwieligen Händen eine Schaufel, steht im Hof seines Hauses und mischt gerade Zement. Er ist der Vater der Dorfjungen Nicoli und Francesco. Als einer der Ersten richtete er in seiner Kulla vier Mehrbettzimmer ein. Kulla, so heißen die traditionellen Häuser im Norden Albaniens. Es sind Wehrburgen, dreigeschossig, schindelgedeckt, mit dicken Steinmauern und kleinen Fenstern, die vor Kälte schützen und davor, dass ein Angreifer, ein auf Rache sinnender Nachbar sein Opfer einfach so mit einem Schuss durch das Fenster niederstreckt. Denn dort, wo der Einfluss der Behörden zu schwach war, galten lange Zeit eigene Gesetze. "Blut wird mit Blut vergolten", so steht es im mittelalterlichen Gewohnheitsrecht, dem Kanun, der das Leben der Menschen regelte.

"Doch das ist Vergangenheit", sagt Prekë Harusha, "wir blicken nach vorn." Er ist zufrieden mit dem GTZ-Projekt. Im August reihen sich auf seiner Wiese Zelte. Die Zimmer reichen längst nicht mehr. "Endlich ernährt uns unser vergessenes Tal", sagt er. Neben seinem Haus hat er ein kleines Geschäft eröffnet. Es ist das einzige im Dorf. Auf durchgebogenen Holzregalen stehen Nudeln, Schokolade, Bier und Zigaretten. Hinter dem Tresen spielen Nicoli und Francesco Domino. Erst ein Räuspern reißt sie aus ihrer Versunkenheit. "Yes please?", fragen sie den Kunden.