Weltgipfel zur Nahrungsmittelsicherheit" – so hieß der offizielle Titel der UN-Veranstaltung, die Anfang dieser Woche in Rom über die Bühne ging. "Gipfel des Hohns" hätte besser gepasst. Das Treffen war ein Schlag ins Gesicht all jener Menschen in Afrika, Südamerika und Asien, die hungern müssen.

Die Dürre lässt das Land zu Staub werden. Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu öffnen! © Simon Maina/AFP/Getty Images

Doch kein einziger westlicher Regierungschef fühlte sich bemüßigt, nach Rom zu fliegen. Einzige Ausnahme: Silvio Berlusconi. Der war eh schon da und nutzte den Gipfel, um eine Gerichtsverhandlung zu schwänzen. Glänzten die reichen Länder durch Abwesenheit ihres Spitzenpersonals, so lieferten einige der Anwesenden geschmacklose Auftritte. Zimbabwes Staatschef Mugabe nutzte auch diese Konferenz wieder einmal für eine scheinheilige Abrechnung mit "neokolonialistischen Feinden" seines Landes. Libyens Staatschef Muammar al-Gadhafi ließ sich in einer beispiellosen Autokraten-Performance von italienischen Models hofieren. Jacques Diouf, Chef der gastgebenden FAO und als solcher maßgeblich verantwortlich für deren viel kritisierte Schwerfälligkeit, lagerte "aus Solidarität mit den Hungernden" vor dem FAO-Gebäude kurzzeitig auf einer Luftmatratze und fastete 24 Stunden lang. Solche Theatralik demontiert Würde und Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen, der einzigen Institution, in der auch die vom Hunger betroffenen Länder eine Stimme haben. Und das drei Wochen vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, der ebenfalls am fehlenden politischen Willen der Regierungen zu scheitern droht.

Dabei hängen die beiden Weltprobleme aufs Engste miteinander zusammen.

Hunger in Guatemala. Klicken Sie auf das Bild, um mehr zu erfahren! © Orlando Sierra/AFP/Getty Images

Schon jetzt sind Stürme und Dürren zumindest mit schuld an der verzweifelten Lage vieler hungernder Bauern. Wider alle Beteuerungen der Staatengemeinschaft, die Unterernährung weltweit zu bekämpfen, ist die Zahl der Hungernden weiter gewachsen und hat mit mehr als einer Milliarde Menschen eine beschämende Schwelle überschritten. Und diese Ernährungskrise ist nur das Menetekel dessen, was droht, wenn Bevölkerungswachstum und Klimawandel die ungerechte Verteilung der Ressourcen und damit den Hunger weiter verschärfen. Reichlich Anlass also für politische Entschlossenheit statt Show.

Doch die meiste Energie investierten die Industrienationen im Vorfeld des Gipfels, in dem sie wirkungsvolle Forderungen in der Abschlusserklärung verwässerten: bei den EU-Exportsubventionen, der Bioenergie, den Landkäufen durch globale Investoren.

Diese fatale Borniertheit ist umso bitterer, als sie jene konstruktiven Ansätze schwächt, die in Rom dann doch noch durchgesetzt wurden. Immerhin wurde – auch mithilfe der deutschen Regierung – ein demokratisch besetztes "Komitee für Ernährungssicherheit" der UN geschaffen, dass die globale Hungerpolitik zukünftig überwachen soll. Immerhin sollen nun endlich die lange vernachlässigten Kleinbauern unterstützt werden. Immerhin wurden andere Lösungsansätze wenigstens benannt: Dünger und Saatgut, Aufbau von Märkten, Lagerketten, Kühlsysteme, Genossenschaften, staatlich organisierte Beratung für Bauern. Verbindliche Arbeits- und Zeitpläne aber fehlen. Und immer wieder fällt die Abschlusserklärung in ein schlichtes "mehr Produzieren" nach einem westlichen Agrarmodell zurück, das längst an ökologische Grenzen stößt. Dabei hatte der Welternährungsrat der UN vor Kurzem Wege aufgezeigt, wie eine vielfältige Landwirtschaft, die den lokalen Besonderheiten folgt, zugleich Armut bekämpfen, Ressourcen sichern und dem Klimawandel trotzen könnte. Warum fehlt der politische Wille, seine Vorschläge aufzugreifen?

Mit ökologischer Landwirtschaft wäre ihnen geholfen: Ein Interview mit dem stellvertretenden FAO-Generaldirektor Alexander Müller © Tony Karumba/AFP/Getty Images

Der Lobbyismus der Agrarindustrie ist ein Grund, das Desinteresse westlicher demokratischer Öffentlichkeiten ein anderer. Staatschefs wie Brasiliens Lula da Silva oder Ägyptens Hosni Mubarak können es sich gar nicht leisten, einen solchen Gipfel zu schwänzen, weil die Ernährungs- und Klimakrise für ihre Bevölkerungen längst reelle Gefahren sind. In satten, westlichen Gesellschaften hingegen betrachten viele Menschen die Landwirtschaft als Anachronismus oder als sekundäres Problem für Experten. Wenn aber Regierungen keinen ausreichenden Druck zu spüren bekommen, dann passiert eben, was in Rom passiert ist: viel Pathos, viel billiges Theater – und so gut wie keine Politik.