Das erste Konzert liegt 15 Jahre zurück. Laut Maestro Diangienda hatte das Orchester elf Monate vor der Premiere mit den Proben begonnen, in dürftigster Besetzung: zehn kirchenmusikalisch geschulte Autodidakten, vier Violinen, ein Kontrabass. Riss eine Saite, behalf man sich mit Fahrradbremskabeln. Einige Celli kamen dazu, deren korrekte Handhabung sich die Musiker von Fotos abguckten. Ein Konzert mit Musikern, die ihr Instrument erst seit einem Jahr spielten?

"Wenn Sie es nicht glauben", sagt Diangienda, "fragen Sie die Leute."

Also fragen wir. Zuerst Albert Sheriff, 53, Cellist, der seine sechsköpfige Familie als Elektriker an der Universität von Kinshasa durchbringt, obwohl es dort seit Jahren ebenso selten Strom wie ein regelmäßiges Gehalt gibt.

"Wir haben geübt, Madame", sagt der hagere Mann, eingeklemmt zwischen Plastikblumen und Kimbangu-Porträt im winzigen Wohnzimmer sitzend, vor dessen Schwelle man bei Regen knöcheltief im Schlamm versinkt. "Noten lesen konnte ich ja schon aus meiner Zeit bei der Flötengruppe." Wir fragen auch Joséphine Matubanza, 37, tagsüber von sechs bis 16 Uhr Eierverkäuferin auf Kinshasas größtem Markt, abends von 17 bis 21 Uhr Musikerin im OSK. Damals, 1994, nahm sie angeblich nach nur wenigen Wochen Cellounterricht an der Premiere teil.

"Kennen Sie nicht die drei Prinzipien des Propheten Simon? Liebe, Gottes Zehn Gebote und Arbeit", sagt sie und zupft am Kontrabass, den sie neben Cello und Tuba spielt.

Und wir fragen ihren Mann, Monsieur Albert, Musiklehrer und Spiritus Rector des Orchesters, der als Erster herausfand, wie man ein Cello halten muss. "Es sah ja aus wie eine Gitarre", sagt er, greift sich eine solche aus seinem Reparaturschuppen und spielt ganz sanft einen Bossa nova darauf, als müsse er das schrottreife Ding trösten. "Na ja, wir haben eben viel geprobt", sagt er und öffnet unvorsichtigerweise den Deckel eines wurmstichigen Klaviers, was eine Heerschar zwischen den Tasten hausender Kakerlaken erschreckt.

Irgendwann ist es egal, ob die Entstehungsgeschichte des OSK Sage oder Wahrheit ist. Unstrittig ist: Am 3. Dezember 1994 trat das Orchestre Symphonique Kimbanguiste zum ersten Mal auf. Und zwar im Palais du Peuple, dem sozialistisch anmutenden Protzbau, den Mobutu Sese Seko dem Volk gewidmet hatte, das er nach Kräften plünderte. Der Eintritt war frei, der große Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Geboten wurden Werke des spanischen Komponisten Joaquim Serra, Kirchenlieder und natürlich Händels Halleluja. Auf den besten Plätzen klatschte Mobutus Nomenklatura, im Volksmund grosses légumes genannt, fettes Gemüse – nicht ahnend, dass sie nur zweieinhalb Jahre später vor Rebellen über den Fluss in das benachbarte Brazzaville würde fliehen müssen.

1994 hatte sich der Niedergang des Landes nach 30 Jahren Kleptokratie zur Schussfahrt in Richtung Abgrund beschleunigt. Zwei verheerende Kriege im Osten standen bevor. Kinshasa im Westen hatte gerade zwei Plünderungswellen der eigenen Armee hinter sich. Seine Einwohner, seit Jahren weitgehend ohne Wasser, Strom und Kanalisation, ohne Busse, Feuerwehr und funktionierende Polizei, hatten den Überlebenskampf zur Kunst erhoben. In solcher Zeit ein Sinfonieorchester zu gründen kann ein Zeichen übernatürlicher Sturheit, ein Akt des Widerstandes oder schlicht ein Ausdruck von Realitätsverlust sein.

Bei der Orchesterpremiere hatten die Kimbanguisten nichts mehr gemein mit der religiösen Untergrundbewegung von einst. Mobutu, der gerissene Machiavellist, hatte Simon Kimbangu posthum begnadigt und mit Orden geehrt. Die Gemeinde des Propheten ließ sich gern in die Machtallianz des Diktators einbinden. "Kirche der Stiefellecker" nannten politisch renitente Katholiken und oppositionelle Studenten die Anhänger des schwarzen Erlösers. Da mochte ihr Händel noch so erhaben klingen. Heute geben sich die Kimbanguisten ausdrücklich unpolitisch. Nur nicht anecken, heißt die Devise.