Klein: Das Verhalten der Männer ist weder schön noch zu billigen – aber man kann es verstehen.

Hrdy: Sicher: Wer kein Auto hat, bekommt keine neue Frau.

Klein: Treiben Sie jetzt die Soziobiologie nicht ein bisschen zu weit? Es könnte ja sein, dass manche Männer ganz einfach wütend auf ihre Exfrauen sind und den Zorn auf dem Rücken der Kinder austragen.

Hrdy: Da mögen Sie recht haben. Aber auch das ist Soziobiologie: Der Wettbewerb zwischen Männern um Frauen; der Versuch, die Frauen zu kontrollieren; deren Anstrengungen, der Kontrolle zu entgehen – all das nennen wir sexuelle Selektion. Keine Kraft der Evolution ist dermaßen zerstörerisch, hat der große Biologe E.O. Wilson einmal gesagt. Letztlich haben wir an den Languren auch nichts anderes erforscht als die sexuelle Selektion.

Klein: Als Sie Ihre Feldforschungen an Languren in Nordindien anstellten, hatten Sie selbst ein Baby dabei – Ihre kleine Tochter. Ihr Mann arbeitete indessen in Boston . Wie ging das eigentlich?

Hrdy: Gar nicht. Ich bezahlte eine Babysitterin, aber die Kleine bekam Infektionen. Und eines Abends musste ich zusehen, wie eine Horde Affen sie angriff, um ihre Kekse zu bekommen. Da gab ich die Feldforschung auf. Das fiel mir schwer. Ein Mutterleben steckt nun einmal voller Kompromisse.

Klein: Warum wollten Sie Kinder?

Hrdy: Ich kann es nicht sagen. Mein Mann wollte welche. Ich liebe ihn sehr.

Klein: Zurück an der Universität Harvard, hielt Ihnen Robert Trivers, einer der Väter der Soziobiologie, in einem Interview vor: "Sarah sollte mehr Zeit, Gedanken und Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihre Tochter großzuziehen." Hat er Sie verletzt?

Hrdy: Schlimmer: Ich fürchtete, dass er recht hatte. Jede Mutter empfindet so.

Klein: Dabei hatte Trivers eigentlich ganz soziobiologisch argumentiert: Von Natur aus ist jeder Organismus nur für die Fortpflanzung da. Statuserwerb ist zweitrangig.

Hrdy: Eben nicht. Mutter Natur, meine Metapher für die Evolution, hat uns keinen Kinderwunsch eingepflanzt. Sie schuf uns so, dass wir genug Nahrung und Fett für den Eisprung bekommen, Sex haben und dadurch von selbst Kinder bekommen. Und sie legte Primaten darauf an, andere zu kontrollieren und nach Status zu streben, weil das die eigenen Fortpflanzungschancen verbessert. Wenn wir heute die Wahl haben, entscheiden wir uns daher natürlicherweise für Statusgewinn – und versuchen als Frauen, die erste Geburt so weit wie möglich hinauszuschieben.

Klein: Oder ganz zu verhindern.

Hrdy: Sicher. Seit es die Pille gibt, können die Frauen mit den Eierstöcken abstimmen, wenn ihre Umgebung sie nicht genug unterstützt. Dann bekommen sie eben keine Kinder.