Die ZEIT: Herr Präsident, Zeitungen und Sender weltweit feiern den Aufstieg Ihres Landes als neue Erfolgsgeschichte. Ist das ein Rummel, der bald vorbei ist? Alles nur wegen fünf Prozent Wachstum, der Fußballweltmeisterschaft 2014 und Olympia 2016?

Luiz Inácio da Silva: Überhaupt nicht. Brasilien hat schon lange ein größeres Gewicht in der Welt verdient. Wir haben in der Vergangenheit jedoch viele Möglichkeiten vertan. Immer wieder sah es so aus, als ob Brasilien endlich abheben würde, und dann stolperten wir über unsere eigenen Fehler. Die Folgen waren wirtschaftliches Chaos, hohe Inflationsraten und Verschuldung. Heute aber ist die brasilianische Wirtschaft stark. Die Krise konnte uns nicht viel anhaben, unsere Wirtschaft wächst, und wir vergeben sogar Entwicklungshilfe an andere.

ZEIT: Warum schaut die ganze Welt dann auf China als Wirtschaftswunderland – während Brasilien immer unter "Sonstige" mitläuft?

Da Silva: China hat eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen, zwölfmal so viel wie in Brasilien. Natürlich schaut man dorthin. Aber in China herrschen ganz andere Bedingungen. Brasilien ist ein Land der freien Presse, der freien Gewerkschaften, der Demokratie; unser Kongress kann den Gesetzen, die wir vorschlagen, zustimmen oder auch nicht. Wenn wir Demokratie praktizieren – und es ist gut, dass wir das tun – heißt das, dass es ein halbes bis ein Jahr dauert, bis ein Gesetz in Kraft tritt. Zu erreichen, was wir erreicht haben, ist viel schwieriger für ein demokratisches Land als für eines, in dem die Zentralregierung sehr große Macht hat.

ZEIT: Sind Sie neidisch auf den Erfolg Chinas?

Da Silva: Nein, China wird immer ein großer Spieler bleiben. Aber wenn sie weiter wachsen und es ihnen gelingt, die Kaufkraft der Menschen zu stärken, dann ist das für Deutsche und Brasilianer ein Grund zur Freude: Es ist ein großer Markt für uns.

ZEIT: Brasilien ist vor allem deshalb erfolgreich, weil es Rohstoffe und Nahrungsmittel in die boomenden Industrieregionen Asiens liefert.

Da Silva: Der brasilianische Erfolg hat viel damit zu tun, dass unsere Handelsbeziehungen viel weiter verzweigt sind als vorher – USA und Europa, aber auch Südamerika, Zentralamerika, Afrika, Arabien, Asien. Das gibt uns Stabilität. Stellen Sie sich vor, die USA hätten ihre große Krise vor zehn Jahren erlebt! Damals exportierten wir 30 Prozent unserer Waren in die USA, heute sind es noch 13 Prozent, also waren die Schäden geringer. Der Süd-Süd-Dialog ist für uns genauso wichtig wie derjenige der G-20-Gruppe. Wir wollen anderen helfen, eine ähnliche Entwicklung zu erreichen; wir wollen den Selbsthilfedialog wiederbeleben, der im 20. Jahrhundert oft vergessen wurde. Die brasilianische Elite hatte eine Sehstörung, sie konnte nur nach Europa schauen oder in die USA.

ZEIT: China vergibt in Afrika viel Entwicklungshilfe, Ziel ist die strategische Rohstoffsicherung. Ist das auch Ihr Hintergedanke?

Da Silva: Nein, wir wollen keine Hegemonialmacht sein. Wir wollen Afrika nicht ausrauben. Wir wollen Rohstoffe kaufen, aber wir müssen auch den Transformationsprozess anstoßen, der Afrika reicher macht und Jobs schafft. Deswegen wollen wir auch die Doha-Verhandlungen für einen freieren Welthandel zu einem Abschluss bringen, damit es künftig einen größeren Markt für Produkte aus Afrika gibt. Für Brasilien allein brauchten wir keinen Kampf zu führen, wir sind sehr erfolgreich mit Soja, Kaffee, Zucker und Fleisch. Die Leute begreifen einfach nicht, dass wir mehr Verbraucher auf der Welt schaffen müssen.