Dem Tier begegnen wir auf zweierlei Weise. Entweder wir mästen es, schlachten es und essen es auf. Oder wir schenken es unserem Kind, nennen es Möhrchen, bauen einen Stall, kaufen Fachliteratur, besorgen ihm bei Verdauungsbeschwerden garantiert getreidefreies Spezialfutter, geben Unsummen für seidiges Fell, Augenpflegecreme und Bronchitismedikamente aus und treten in die Kaninchenhilfe Deutschland e.V. ein.

Wer bei Kaninchen an Essen denkt, geht zur Messe »Eurotier« nach Hannover und informiert sich über innovative Schlachtroboter. Tierliebhaber dagegen fahren nach Oldenburg zur »Mein Tier«. Dort trafen sich am Wochenende zum 15. Mal über 20000 Kaninchenfreunde, Katzenfreunde, Hundefreunde, Leguanfreunde, Stachelmausfreunde, Frettchenfreunde und Vogelspinnenfreunde. Zwei Drittel Show, Präsentation, Zuchtvereine und Streichelzoo, ein Drittel Kommerz. Umsatz wird gemacht mit Nachtkerzenöl fürs Nagerohr, Antiallergika für den Hund, mit Pflanzlichem gegen Würgeschlangendurchfall.

Ein Stündchen oder zwei ist man über die »Mein Tier« spaziert und hat so viel Freude, Entzücken und Sehnsucht in den Gesichtern gesehen wie sonst nie auf einer Messe. Die kleinsten Hunde – etwa der King-Charles-Spaniel – ziehen Schmusewillige in Trauben an. Und die winzigen Farbmäuse machen aus normalen Kindern hysterische Mausfanatiker.

Doch allzu rabiate Tierliebe auf der Nachfrageseite führt paradoxerweise zu Tierelend. Einerseits antwortet die Angebotsseite mit Massenproduktion. Andererseits stellt der Tierfreund oft schnell fest, dass er sein Leben so radikal eigentlich nicht ändern wollte, wie es der Windhund verlangt.

Darum haben bei der Oldenburger Heimtiermesse auffällig viele traurig stimmende Initiativen Stände aufgebaut. Die Kaninchenhilfe Deutschland kämpft für Artgerechtigkeit bei der Mümmelmannhaltung. Getreide im Trockenfutter: Gift! Macht Bauchschmerzen! Das Kaninchenset »Kleiner Stall plus Futter plus Tier 49 Euro« in der Tierhandlung ist asozial! Kaninchen brauchen Platz und lieben die Gruppe. »Verschleißtiere, die ein Kinderzimmerdasein fristen«, schimpft Ivonne Timme, Aktivistin aus Goslar, »werden aggressiv.« Frau Timmes Rat könnte auch manchem aus dem Ruder laufenden Herrchen helfen: »Platz schaffen, Partner besorgen, schon legt sich das!«

Erst recht herrscht Not in der Bulldoggenwelt. Man verlässt Leo Geurtsen aus Bad Zwischenahn, den Ersten Vorsitzenden des Bulldogge in Not e.V., nicht ohne Rührung, wenn er von den schnaufenden, kastenförmigen Kerlen mit der eingedrückten Nase erzählt. 2500 Euro kann so ein Hund kosten, wenn die Papiere stimmen. Der kriegt aber, weil die Bulldogge ein Produkt durchgeknallter Züchter ist, bald gar keine Luft mehr und muss am Gaumensegel operiert werden (1000 Euro). Das sieht mancher Hundehalter nicht ein, das Tier wird krank und zum »Nothund«. Jetzt wird der Verein tätig, holt die Bulldogge ab, versorgt sie und sucht eine Pflegestelle. Herr Geurtsen hat auch mal mit einem Nothund begonnen. Der sitzt jetzt zwischen Herrchens Beinen, ist völlig taub und heißt Bootsmann. Oder auch anders. »Ist ja egal, der hört eh nicht mehr.«

Mehr und mehr Humanleiden befallen unsere Heimtiere. Viele Kaninchen haben Figurprobleme. Reptilien ringen mit der Verdauung. Und seelenkranke Hunde bellen wie von Sinnen oder beißen. Zur Behandlung benutzt man homöopathische Tropfen oder Psychotherapie. Oder schickt den Hund zum Sport.