Wer nach Markranstädt fragt, bekommt etwas über Leipzig zu hören. Statt auf Kleinstadtgeist trifft man auf solidarische Gesinnung: Dem großen Leipzig soll auf die Beine geholfen werden, damit die Stadt des ersten deutschen Fußballmeisters endlich wieder in altem Glanz erstrahlt. Und sei es auf den Flügeln von Red Bull. Keinen hier stört der fremde Krösus mit dem großen Marketingbudget.

Markranstädt, so erscheint es, hat die Regeln des Kapitalismus verinnerlicht. Mit niedrigen Gewerbesteuern werden Firmen angelockt. 1600 Unternehmen sind im Ort gemeldet, auch wenn nur wenige überhaupt Steuern zahlen. Die Arbeitslosenquote liegt, für den Osten traumhaft, bei neun Prozent. Investoren stehen hier nicht für geplatzte Träume, sondern für Jobs. Also spricht auch Beate Lehmann, die stellvertretende Bürgermeisterin, von einem "Impuls" durch Red Bull: Die Stadt sei neugierig, jeder hier wisse, dass Spitzensport die Wirtschaft benötige. Pragmatismus, wo man hinhört.

Die Einheimischen fremdeln nicht mit dem Sprudelimperium des umtriebigen Dietrich Mateschitz, obwohl der Konzern, nun ja, durchaus ein wenig seltsame Dinge unternimmt. Im Moment kann man nicht einmal Mitglied in seinem neuen Verein werden. Die Österreicher wollen so den Zorn von Vereinen vermeiden, deren Mitglieder überlaufen könnten. Aber vor allem verhindern sie, von unliebsamen Fans unterwandert zu werden, die den verhassten Retortenverein übernehmen könnten.

In Leipzig sucht man die Schaltzentrale des neuen Klubs erst mal vergeblich, bis ein Hausmeister in der Arena-Sporthalle auf ein verschlossenes Büro deutet. Keine Bullen, kein Schild an der Tür. "Die jungen Männer aus Österreich sind mal da und mal nicht", sagt er, "oft düsen sie nach der Arbeit gleich wieder Richtung Alpen." Auf der Website des neuen Vereins verrieten anfangs sprachliche Feinheiten wie die "Kassa"-Öffnungszeiten, dass als Amtssprache zwar Deutsch, aber mit Salzburger Dialekt gesprochen wird. Andreas Sadlo, 41, ein smarter ehemaliger Spielervermittler, ist als Vereinsvorsitzender das österreichische Gesicht des Ablegers von Red Bull. Bei einer Podiumsdiskussion prallen zwei Kulturen aufeinander: der bullige Vereinsboss des Rivalen Lokomotive Leipzig, Steffen Kubald, bekennender Ex-Hooligan, und der geschmeidige alpenländische Profifunktionär. Sadlo spricht den Leipziger Traditionsvereinen seinen "Respekt" aus, bekundet "Demut", betreibt professionelles Appeasement. Denen, die auf den Rängen "Scheiß-Red-Bull" rufen, antwortet er gelassen: "Ma kann überall a Hoar in der Suppen finden." Die Wortwahl sei im Übrigen ein Zeichen von Intellekt und Bildung. Die Ambitionen des Weltkonzerns deutet er nur an: "Langfristig erreichen wir unsere Ziele meistens." Eine Sprecherin von Red Bull aus Fuschl am See stellt klar, was gemeint ist: Das Ziel heißt Erste Bundesliga. Deutschland soll sich aber erst mal an die Österreicher gewöhnen. Darum tritt Sadlo bescheiden auf, nicht ehrgeizig. Vielleicht auch, weil die Erfolge des Fußball-Engagements bislang eher bescheiden ausfielen: Vor vier Jahren wurde der Traditionsverein Austria Salzburg übernommen. Doch an der ehrgeizigen Vorgabe, mit den "Bullen" im Konzert der großen europäischen Vereine mitzuspielen, scheiterte man bislang kläglich. Trotz der Sponsormillionen verpasste der in Österreich wenig schmeichelhaft "die Dosen" gerufene Klub noch jedes Mal die Qualifikation zur Champions League. Nur dann würde der Werbewert die hohen Kosten auf Dauer rechtfertigen.

In Markranstädt gibt sich der Konzern, der auch in New York einen Fußballverein betreibt und sich zwei Formel-1-Teams leistet, alle Mühe, nicht aufzufallen. Sogar bei den Spielen. Anfangs verteilten adrette Hostessen noch lächelnd Red-Bull-Kostproben. Beim Heimspiel jüngst gegen Gera weist außer einem Getränkewagen und einem Zelt hinter dem Tor nichts mehr auf den Sponsor hin. Keiner soll sich provoziert fühlen. Toni, ein 19-jähriger Leipziger, Gründer des Fanklubs L. E. Bulls, führt eine Polonaise durchs Stadion an. Er hat es einmal als Fan beim Konkurrenten Lok Leipzig probiert, aber dessen Anhänger waren ihm zu aggressiv. Jetzt lässt er seine Leute rot-weiße Fahnen schwenken oder zur Melodie von Pippi Langstrumpf singen: "Schalalala RBL". Es ist wie ein Workshop für den Fannachwuchs. Alte Männer, die Schiebermützen tragen, amüsieren sich über den Klamauk. Einige von ihnen decken sich am "Bullshop" mit Kappen und Schals ein und tragen fortan kleine rote Bullen spazieren. Es ist ihnen egal, dass die Millionen von Red Bull letztlich in Leipzig ausgeschüttet werden. In Markranstädt kann man zusehen, wie dem Sprudel aus Österreich eine zarte Haut von Identität wächst.

Ein schlauer Plan, der den Namen der Stadt von der Fußballkarte radiert

Nicht allen ist wohl dabei. Hans Schuster kommt vom Vogelfüttern ins Wohnzimmer und lässt sich auf seine grüne Couch fallen. Er ist ein Mann von 70 Jahren, die ihm keiner ansieht, in Markranstädt geboren, seit 1950 hat er hier Fußball gespielt, als Libero, der den Überblick haben musste, später war er Trainer. Dies ist seine Heimat, und dazu gehört seit 60 Jahren auch sein alter Verein, der jetzt keine Fußballmannschaft mehr hat. "Isch habe nischts gegen Red Bull, um Gottes willen." Das sagt er am Anfang, am Ende und zwischendurch. Man steht offenbar schnell als Spielverderber da.

Schusters Unbehagen gegen Geld im Sport ist spürbar, aber seine eigentliche Kritik ist einfach: "Den Namen Markranstädt hat man ausradiert." Er sagt, unter den Alten dächten einige wie er. Überall in Markranstädt trifft man neues Denken. Bei Schuster nicht. Er sorgt sich nicht um Leipzig, nur um seine Heimat. Auch er wünscht Red Bull alles Gute. Aber anders als den Jüngeren wäre es ihm nicht egal, wenn der Plan der Marketingprofis nicht aufginge und die Stadt, in der er geboren wurde, nie mehr eine eigene Fußballmannschaft hätte. "Das wäre traurig", sagt er, "sehr traurig."