Allein der Name ist schon Verkündigung. Er kündet von den weiten Glaubensbögen, die dieser wortgewaltige Augustinermönch zu schlagen pflegte, sobald er auf die Kanzel stieg: von den Ursprungsmythen des Alten Testaments zur christlichen Ordensfrömmigkeit. Geradezu heilsprogrammatisch steht in seinem Namen der biblische Übervater neben der heiligen Klara von Assisi, die im 13. Jahrhundert den Klarissenorden gründete, den weiblichen Zweig der Franziskaner. Mit "Sancta Clara" könnte aber auch eine wie immer geartete "heilige Klarheit" gemeint sein – und mit ihr der Versuch, dem noch tief im Mittelalter wurzelnden Katholizismus ein Quäntchen Vernunft einzuflößen.

Seiner barocken Opulenz zum Trotz geht der Name ganz leicht von den Lippen. Das rührt vom A her, dem König der Vokale. Doch der Name klingt auch wie ein Zauberwort, ähnlich dem Abrakadabra. Und muss ein Prediger nicht mit Worten zaubern, zumal bei solch einem Namen? Nicht von ungefähr steht das A in allen magischen Formeln, ebenso in den Gebeten und Predigten, für die Anrufung einer höheren Macht. Zudem ist das A der Vokal des Staunens, der Bewunderung, der Zuneigung und des Beifalls. Und nicht zuletzt ist uns das A vertraut als Vokal des Lachens. Wer sich solch einen Namen wählt, und zwar nicht als Possenreißer, Zauberkünstler oder Scharlatan, sondern als Ordensmann, dessen Seele muss von Grund auf heiter gestimmt sein und sich als kraftvolles Sprachrohr des Allerhöchsten verstehen.

Das kleine Dorf, in welchem Abraham am 2.Juli 1644 das Licht der Welt erblickte, liegt am Fuß der Schwäbischen Alb, genauer: auf dem badischen Ausläufer des Heubergs bei Meßkirch – und sprachlich exakt auf der Grenze zwischen dem Alemannischen und dem Schwäbischen. Der Ort hieß dereinst Krähenheimstetten und nennt sich heute Kreenheinstetten.

Der Junge ist das achte von zehn Kindern einer leibeigenen Gastwirtsfamilie und trägt den schlichten Namen Johann Ulrich Megerle. Die Leibeigenschaft lässt eine ärmliche Kindheit vermuten, doch dem ist nicht so. Der Vater hat mit seinem "Wirtshaus zur Traube" ein gutes Auskommen, was immer das in den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs bedeuten mag. Der Junge zeigt Talent und Fleiß, er darf auf die Lateinschule, dann aufs Jesuitengymnasium von Ingolstadt, schließlich macht er in Salzburg sein Abitur. Er will Priester werden, das Predigen ist seine Leidenschaft.

1662 tritt der junge Mann in den Bettelorden der Reformierten Augustiner-Barfüßer ein und begibt sich ins Kloster Maria Brunn bei Wien. Dort nimmt er den Namen Abraham a Sancta Clara an. Nach dem Noviziat folgen Studien in Wien, Prag und Ferrara. 1666 wird durch die Priesterweihe in der Wiener Augustinerkirche aus dem Frater Abraham ein Pater.

Für weitere Artikel der Serie klicken Sie auf das Bild

Seinen Einstand als Prediger gibt er ein Jahr darauf im Kloster Maria Stern zu Taxa in Odelzhausen bei Augsburg. Innerhalb kürzester Zeit gelangt er dort zu einer erstaunlichen Popularität, weshalb man ihn 1669 wieder nach Wien zurückbeordert, um zu sehen, ob das junge Talent auch vor großstädtischem Publikum zu bestehen vermag. Bis 1672 predigt Pater Abraham sonn- und feiertags abwechselnd in allen Kirchen und Klöstern Wiens. Am 15. September 1673 wird ihm erstmals die Ehre zuteil, vor Kaiser Leopold I. und seinem Hofstaat auf die Kanzel steigen zu dürfen. Die hochwohlgeborene Zuhörerschaft ist nicht minder beeindruckt von seiner "wunderbarlichen und angenehmen Red-Art" als das gemeine Volk. Geschickt versteht er es, die Gestalt des heiligen Leopold, dem die Predigt gilt, mit dem anwesenden Kaiser zu verschmelzen, sodass sich dieser am Ende selbst als Heiliger fühlen darf. Die Majestät dankt es ihm einige Jahre später, indem sie ihn zum Subprior und Kaiserlichen Hofprediger ernennt.

Doch Abraham fühlt sich von Gott dazu erkoren, mehr als nur brillante Sonntagsreden zu halten. Er schreibt sein erstes Buch. Denn in Wien bricht 1679 die Pest aus und zwingt den großen Prediger zum Schweigen. Und weil jeder, der es sich leisten kann, aus der verseuchten Stadt flieht – voran der Kaiser mitsamt seinem Gefolge –, sucht auch Abraham Schutz vor dem Schwarzen Tod. Er findet ihn im Hause eines wohlhabenden Gönners, des niederösterreichischen Landmarschalls Johann Balthasar Graf Hoyos.