Einsam steht der Panzer an diesem Abend auf der breiten Straße in Ost-Berlin; sein Kanonenrohr zeigt in Richtung Alexanderplatz. Es ist der 7. Oktober 1989. Im Palast der Republik feiern Erich Honecker und Genossen den 40. Geburtstag der DDR, ein paar Meter entfernt verprügelt die Staatsmacht zum letzten Mal Oppositionelle. Ein Schlachtenbummler auf dem Heimweg, gerade einmal 26 Jahre alt, sieht den Panzer im Dunkel – und es überkommt ihn ein höchst seltsamer Wunsch: Er will sich in seinem Schatten niederlassen, "an seine stählernen Ketten und Räder gelehnt, minutenlang mit geschlossenen Augen". Die Maschine der Bürgerkriege weckt sein Schlafbedürfnis, wie er sich später erinnern wird: "Er hatte genug von alldem", von "dieser langen sozialistischen Dämmerung, der Lethargie einer ganzen Landschaft, in die er durch Zufall hineingeraten war wie in eine riesige Falle". Noch einmal hält er inne: "Es war, als hätte ich, im Rücken den Panzer, dieses eine Mal die Geschichte verschlafen wollen, minutenlang, bevor alles in Fahrt kam." Was für eine Abschiedsszene: der eben noch mächtige, nun machtlose Koloss, bis dahin das Jahrhundert beherrschend – und der junge Dichter, der ihn noch einmal spüren möchte, nun, da dessen Zeit vorbei ist. Sechs Jahre später, alles war in Fahrt gekommen, berichtet der immer noch junge Durs Grünbein in seiner Dankrede zur Verleihung des Büchnerpreises über seinen abendlichen Abschied vom sterbenden Panzer.

Den Panzer im Rücken: Das war die Existenzweise der DDR bis zuletzt. Heiner Müller , Entdecker Grünbeins und 1995 dessen Laudator, ließ in seinen Dramen die russischen T-34 aus dem Osten heranrollen; sie brachten Befreiung und Vergewaltigung. Bei Werner Bräunig drohen sie am 17. Juni 1953, im leider ideologisch verzerrten Finale seines Romans Rummelplatz , der nie in der DDR erscheinen durfte, sondern erst 2007 aus den Archiven auftauchte. 1961 schreibt ein noch gläubiger Franz Fühmann über die Panzer, die den Mauerbau in Berlin sichern: "Es ist gut, daß sie da stehen, denn es ist notwendig." Und in Uwe Tellkamps Der Turm durchleidet in einem abenteuerlichen Kapitel die Hauptfigur Christian Hoffmann Ende der achtziger Jahre bei einem Militärmanöver eine todbringende Unterwasser-Panzerfahrt, quer durch die Elbe . Doch Durs Grünbeins Endzeit-Episode des Jahres 1989 variiert ja nicht nur die uralte, vielleicht etwas angestaubte Macht-versus-Individuum-Konstellation in den matten Farben einer siechen DDR. Vielmehr symbolisiert sie noch einmal die kulturelle Paradoxie, die zu jener Existenzweise der DDR von Beginn an gehörte: Vieles wurde zwar brachial niedergewalzt, zugleich aber wuchs im Schatten der Macht immer wieder bedeutende Kunst heran, die stärker war als stählerne Ketten. Die Panzer im Rücken, gedieh über die Jahrzehnte etwas, das es heute neu zu entdecken gilt: jene Literatur, die von einer Erfahrung namens DDR zehrt.

Es ist höchste Zeit für einen solchen neuen Blick. Denn während Grass , Enzensberger und Co. ihre anscheinend endlosen Runden auf dem Weg zur Unsterblichkeit drehen, während das meiste, was die Gruppe 47, Arno Schmidt und all die anderen seit 1945 hinterlassen haben, mit mehr oder weniger guten Gründen kanonisch ist, wird hingegen die historisch gewordene, früher mit Interesse beäugte östliche literarische Landschaft heute, zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, unmerklich zur großen Unbekannten. Dabei vermögen ihre zu Unrecht vergessene Vielfalt, ihr spröder Reiz und ästhetischer Anspruch, ihre abenteuerlichen Geschichten und bösen Schicksale bei dem, der sich heute auf diese verblassende Schönheit einlässt, intensivere Leseerlebnisse bewirken als manche Walser-Wohmann-Wondratschek-Ware. Gewiss: Eine Diktatur bringt nicht automatisch die besseren Werke hervor; die Literaturgeschichte von Goethe über Mann bis Pynchon beweist es. Aber der Leser spürt nicht nur im Fall DDR, den trivialen Propagandamüll einmal beiseitegelassen, einen besonderen, in Formen gebrachten existenziellen Ernst, der seine künstlerische Wirkung auch unter anderen politischen Vorzeichen entfalten kann. Die Wunde DDR produzierte vielleicht nicht immer die bessere, aber allemal die aufregendere deutsche Literatur.

Die Tücken lauern freilich bei solch einer (Wieder-)Entdeckungstour überall. Denn was sollte ein "neuer Blick" eigentlich bedeuten? Schließlich waren Christa Wolf und Heiner Müller schon vor 1989 deutsche Großintellektuelle der Kategorie Grass-Habermas-Enzensberger, kultisch verehrt und heftig angefeindet; sie wurden bereits vor Jahrzehnten in alle Weltsprachen übersetzt. Wenn sogar Elfriede Jelinek und Dario Fo mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden, so hätte ihn Heiner Müller wahrscheinlich ebenfalls erhalten; nur starb er zu früh, bereits 1996. Lange vor 1989 schon gehörten Jurek Becker , Wolf Biermann , Christoph Hein , Günter Kunert , Günter de Bruyn , Sarah Kirsch , Ulrich Plenzdorf , Monika Maron und viele andere zum Kanon der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihre Texte stehen in Lehrplänen und Schulbüchern; sie erscheinen immer noch in hohen Auflagen oder sind doch zumindest mit Preisen überhäuft. Wenn der östliche Blick im geteilten Deutschland eine Rolle gespielt hat, dann in Büchern. Wenn es eine unteilbare Kulturnation gegeben hat, dann doch wohl in der deutschen Literatur nach 1945.

"Und trotzdem erweckt es oft den Eindruck, das deutsche Original, auch in der Literatur, ist bundesdeutsch, der Osten eine seltsame Abart." Diesen Einwand formulierte mitnichten eine unverbesserliche Ostalgikerin, sondern Monika Maron , die 1988 in den Westen ging und der DDR noch nie eine Träne hinterhergeweint hat. Ihr Gefühl täuscht nicht, denn das große Interesse in der alten Bundesrepublik für diese seltsame östliche Abart hatte einen Grund, der die innere Distanz nie ganz verschwinden ließ: Es war eine Projektionsbeziehung, auf der die Faszinationskraft des Ostens beruhte. Kopfsteinpflaster und Alleen, längst vergessene Gerüche und das allgegenwärtige Grau, Langsamkeit und melancholisch verfallende Häuser, existenzieller Ernst, Nischenbürgerlichkeit und künstlerisches Traditionsbewusstsein: Die DDR wurde für bundesrepublikanische Bildungsbürger zur "realexistierenden Traum- und Trostlandschaft", worauf der Soziologe Heinz Bude bereits Mitte der neunziger Jahre hingewiesen hat: "Der Osten wird zum geheimen Wunschbild einer kulturellen Heimat, die der Nationalsozialismus zerstört hat." Hier konnte der Westen sich noch auf die Suche nach der angeblich verlorenen Echtheit einer Vormoderne machen: "Da waren noch Geschichten möglich, die man sich im großen Konsumverein nicht vorstellen konnte." Dabei hatte diese Sehnsucht bei den wenigsten etwas mit politischer Zuneigung zur DDR zu tun, auch wenn man Stasiknäste zumeist ausblendete, um sich die romantische Ästhetik des Graus nicht stören zu lassen. Vielmehr waren die östlichen Landschaften zwischen Elbe und Oder, auch die literarischen, vor allem ein seelisches Konsumparadies für den von der eigenen ausdifferenzierten Moderne ermüdeten Westen.