Mit 66 Jahren fing das Leben vielleicht für Udo Jürgens an, aber nicht für Dmitrij Schostakowitsch. Angestrengter hat kein Komponist gelebt. Er war ähnlich schwer zu durchschauen wie die Sowjetunion, in der und gegen die er sein Genie behauptete. Mit 66 hat er gerade seine 15.Sinfonie hinter sich, ist gereist, hat Benjamin Britten in London getroffen und Karlheinz Stockhausens Hymnen in Berlin gehört. Nun ist zu seinen Herzbeschwerden ein Lungenkarzinom gekommen, der Kettenraucher wird bestrahlt, "ich kann mich nicht selbst anziehen oder waschen. Aber gewisse Frühlingsgefühle haben mein Hirn erfasst." Und wie oft, wenn er zur Ruhe kommt, schreibt er ein Streichquartett, sein vierzehntes. Im Adagio ist das Privateste als Zitat in einer Achtelnote versteckt. Im Gesang der ersten Geige über ruhigen Tönen des Cellos werden über dem Ges kurz und beiläufig die Töne C, E, A angerissen.

Das ist der Tristanakkord, um einen Halbton nach oben versetzt. Das Insignium der Liebe. Wem es gilt? Er verrät es nicht. Klar ist nur, dass diese Passage, das ganze Stück von 1973 auch dem ersten Geiger und dem Cellisten des Moskauer Beethoven-Quartetts huldigt, das fast alle seine Quartette aus der Taufe hob. Nirgendwo sonst ist Schostakowitsch so persönlich wie in seinen Streichquartetten, und selten werden sie so empfindsam, einlässlich, deutlich, aber unplakativ gespielt wie vom Mandelring Quartett. Im Tristan-Adagio stehen sich zwei starke Subjekte gegenüber, die neben dem Bekenntnishaften ihrer Linien auch Sinn für den Raum dazwischen haben. Schostakowitsch ist hier als ein Meister der Aussparung zu entdecken. Er beherrscht seine Sprache so sicher, dass er keine großen Worte machen muss.

Zwischen zwei Silben hört man eine ganze Welt. Diese Welt haben die Mandelrings in aller Ruhe erschlossen. Fünf Jahre lang arbeitete das Quartett an einer Gesamtaufnahme, die es mit neun älteren aufnehmen muss – und neue Einsichten bietet. So unterscheidbar wie übereinstimmend klingen die vier, und dass drei von ihnen Geschwister sind, führt nicht zu flacher Harmonie: Die Geiger Sebastian und Nanette Schmidt, der eine intellektuell, die andere geerdet, der leidenschaftliche Bratscher Roland Glassl, der nüchterne und doch poetische Cellist Bernhard Schmidt tönen wie (mindestens) vier Seelen der multiplen Persönlichkeit Schostakowitsch. Seine Quartette lassen sich hier aber nicht nur als ein Tagebuch aus vier Jahrzehnten hören, sondern auch als Testgelände einer musikalischen Grammatik, deren künstlerischer Kern vor dem ersten Quartett längst voll entwickelt war.

Schostakowitsch hatte mit 32 Jahren schon seine Jahrhundertoper Lady Macbeth von Mzensk und fünf Sinfonien komponiert, als er sich in die dünne Luft des Edelgenres wagte – und sich so ironisch klassizistisch gab, als wolle er sich die Auseinandersetzung mit dem Quartett-Gott Beethoven noch ersparen. Die findet erst im fünften Quartett statt, 1952, unaufführbar unter Stalin. Nach dem Sarkasmus des dritten Quartetts und den Parzellenerkundungen des vierten geht der Komponist hier aufs Ganze. Kein anderes Quartett des Russen ist so wenig intim wie das fünfte, so ausgreifend und "abendländisch". Die Mandelrings spielen es als welthaltigen Entwicklungsroman voller motivischer Arbeit; in den hohen Liegetönen des Finales gelingt ihnen ein Gleißen wie von fernen Horizonten. Umso beeindruckender, dass sie auch dem oft als "rückschrittlich" abgetanen sechsten Quartett danach eine ganz besondere Qualität abgewinnen können.

Es entstand 1956, im Tauwetter nach Stalins Tod, und die Entspannung scheint nach hinten loszugehen, als brauche Schostakowitsch zur Inspiration eben doch einen Gegner. Aber diese G-Dur-Seligkeit ist kaum zu glauben – unwirkliches Schweben, ein mozartisch transparenter Wachtraum, in dessen höchsten Lagen man die Delikatesse des Primarius Sebastian Schmidt nur bewundern kann. Gerade weil sich das Ensemble sensibel und zart auf alles einlässt, entsteht eine fast unheimliche Idylle, wie eine Erinnerung an ein Glück, das es nie gab. Strenger, heller, härter dann das siebte Quartett, beendet nur vier Monate, ehe Schostakowitsch sich 1960 an sein legendäres und berühmtestes achtes Quartett setzte. Unter Freunden hat er es als ein Requiem für sich selbst bezeichnet – immerhin lautet das erste Thema D, Es, C, H, das sind die Noten für "D. Sch.".