Welche Kritik hat die neue Bundesregierung verdient? Ein paar Wochen ist sie nun im Amt, und zu Recht haben viele Bürger, aber auch eine Reihe von Medien sich mit dem ganz schnellen Urteil zurückgehalten. Im besten Falle war der Grund dafür weniger übergroßes Vertrauen in die neuen Mächtigen als ein gewisses Misstrauen gegen alte, womöglich eigene Kritikreflexe. Denn noch ehe die Regierung überhaupt ihre Geschäfte aufnahm, existierte bereits eine Litanei von Vorwürfen gegen sie. Die schwarz-gelbe Kälte war 2009, was das rot-grüne Chaos 1998 war – in ihrer pauschalen Prophetie ebenso unbewiesen wie nichtssagend. Vor allem aber bedeutete eine vorschnelle Verdammung der neuen Situation eine Verdammung der Wirklichkeit, wie sie die Wähler am Wahltag geschaffen haben, 1998 so unbeeindruckt von Schreckgespenstern wie 2009. Und so lautet der erste Imperativ im Umgang mit Kritik an dieser Regierung: Auch Kritik an ungenügenden Kritikern muss erlaubt sein.

Der zweite Imperativ: Erst mal hochkommen lassen, vier Jahre zum Draufhauen auf eine Koalition ist immer noch eine Menge Zeit. Und in der Tat, auch wenn die hundert Tage Probezeit dieser Koalition noch nicht um sind, reichert sich das Bild von Schwarz-Gelb Tag für Tag ganz von allein mit Patzern und Pannen, Fehlurteilen und fatalen Entwicklungen an, seiner Urteilsreife entgegen.

Für das Urteil gilt dann der dritte Imperativ: Die Kritik sollte so frisch sein wie die Kritisierten selbst. Manche Pressemitteilung von linken Politikern oder Verbänden scheint nahtlos da weiterzumachen, wo sie einst nach 16 Jahren Helmut Kohl aufgehört hatten. Dabei steht diese Koalition in vielen, gerade gesellschaftlichen Fragen ungleich weiter in der Mitte, als das das Kohl-Regime je für sich beanspruchen konnte. Was damals eine Rita Süssmuth war, entmutigt und an den Rand gedrängt, nimmt heute die ganze Breite der Regierungsbank ein, angefangen mit einer Kanzlerin, deren gesellschaftspolitische Reflexe liberal sind, bis zu einem Verteidigungsminister von der CSU, der mit Sicherheit nicht weniger ein Kind der grundsätzlichen bundesrepublikanischen Kriegsskepsis ist als Joschka Fischer.

Ebendeshalb jedoch – weil das Team Merkel/Westerwelle eine neue Zeit verspricht – muss das Urteil über sie und ihre Koalition besonders hart ausfallen, wann immer sie in ein überwunden geglaubtes Denken zurückfallen, wie man es auch ihren Kritikern nicht durchgehen ließe. Drei Sachskandale und einen Personenschaden hat allein diese Woche geboten.

Beim Betreuungsgeld hat Angela Merkel sich überraschend auf die Seite der Idee geschlagen, den Verzicht auf frühkindliche Bildung mit Bargeld zu honorieren (weil Eltern, die ihre Kinder aus der Kita nehmen, 150 Euro im Monat erhalten sollen). Damit verspielt sie den Erkenntnisgewinn der vergangenen Jahre, dass soziale Wohltaten ohne Zielkontrolle im besten Falle Steuerverschwendung, im schlechtesten Anreize zur Verwahrlosung sind. Zweites Beispiel: Mietrecht. Hier drängt jetzt die FDP-Fraktionschefin Homburger darauf, den Schutz der Mieter vor Kündigung des Mietvertrages zu schwächen – und kann sich dabei auf den Koalitionsvertrag berufen, wo eine Verschlechterung der Kündigungsfristen verabredet ist. In der Mieterrepublik Deutschland bedeutet das eine Begünstigung von so wenigen, dass man schon Geschäftsführer des Haus- und Grundbesitzerverbandes sein muss, um den Vorschlag zeitgemäß zu finden. Mit dieser Sorte Klientelpolitik katapultiert sich die FDP in ihre finstersten Jahre zurück. Drittes Beispiel, die Absenkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotels: Die FDP pflegt mit diesem unbegründeten Geldgeschenk ihre Lobbybeziehungen, die CSU schmiert die Hoteliers im Voralpenland. Wer so gegen die finanzielle Nachhaltigkeit verstößt, lebt nicht im 21. Jahrhundert. Derselbe Maßstab gilt aber auch für Personen. Wenn Rainer Brüderle weiter den Verdacht bestätigt, er sei der neue Problembär im Wirtschaftsministerium, dafür aber unerträglich aufgedrehter als der erste Problembär Michael Glos, dann wäre auch das ein Fall für ein hartes Urteil.

Die genannten Regierungsverfehlungen fallen auch unter den fünften Imperativ: Proportionen sind alles. Die Kritiker verstoßen gegen jede Verhältnismäßigkeit, wenn sie vor dem Start schon "Fehlstart!" rufen. Umgekehrt gilt: So groß, wie die Krise ist, so hoch, wie die Ziele sind, die Merkel proklamiert, so scharf muss sie sich auch messen lassen.

Was also ist ein überzeugender Standpunkt für Kritik an Schwarz-Gelb? Vielleicht ist es am Ende ganz einfach: Diese Koalition verdient Kritik auf der Höhe unserer Möglichkeiten. Damit die Kritik sie auf der Höhe ihrer Möglichkeiten trifft.