Die Bibel verschweigt uns ein wesentliches Detail. Während die Autoren des epochalen Erzählwerks die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies explizit überliefert haben, schweigen sie sich über das Schicksal der Tiere aus. Wo aber sind Kuh, Schaf, Büffel, Regenwurm und Vogelspinne geblieben? Hat der Herr auch sie vertrieben?

Wohl kaum. Sie sind – von der Art und Weise ihres Wesens – vermutlich im Garten Eden verblieben. Anders als der Mensch haben sie sich schließlich des Vergehens, sich von Gott abzuwenden, nicht schuldig gemacht. Bis heute nicht. Obwohl sich die Bibel darüber ausschweigt, ob sie im Paradies weilen, kommt der Theologe Rainer Hagencord zu dem Schluss: "Der Gedanke, dass sie immer noch ›dort‹ sind, ist nicht abwegig."

Wer jedoch nachschaut, wie es der gezüchteten Fauna seither erging, entdeckt weit und breit keine "paradiesischen" Lebensbedingungen: Die Sau suhlt sich in der Fleischfabrik im eigenen Kot. Die Hochleistungskuh sieht ihr Leben lang keinen Himmel und kann sich ohne Kraftfutter kaum auf den Beinen halten. Der zum Wrack gezüchtete Schoßhund krankt an Arthrose, Fettleibigkeit und Atembeschwerden. Nicht viel besser ergeht es Garnelen, Zobeln oder isoliert verwahrten Pferden und Meerschweinchen.

Die Frage, wo die Tiere nach dem Sündenfall abgeblieben sein könnten, mag philosophisch gemeint sein – der Widerspruch ist trotzdem augenfällig. Mit Paradies hat das Dasein, das manche Kreatur in menschlicher Obhut fristet, nichts gemein. Ein Sachverhalt, über den ein guter Christ nicht hinwegsehen kann – findet Hagencord.

Der Wissenschaftler und Priester ist daher aktiv geworden. Am 15. Dezember eröffnet er ein kleines Institut, das helfen soll, die Missstände zu beleuchten. Im Beisein von Schirmherrin und Primatologin Jane Goodall wird das neue Institut für Theologische Zoologie offiziell eingeweiht – als sogenanntes An-Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Kapuziner in Münster. Mit der neuen Forschungseinrichtung soll das Tier eine "wissenschaftlich fundierte, theologische Würdigung" erhalten.

Tiere kommen in den Himmel. Wohin denn sonst?

Ein wenig unsicher ist Hagencord, ob er mit der Bezeichnung Theologische Zoologie den richtigen Namen für seine Fachrichtung gewählt hat. Mit den Umtrieben von Kreationisten und anderen religiösen Fundamentalisten in Verbindung gebracht zu werden wäre ihm ein Graus ("die sind sehr infantil"). Mit der Theologischen Zoologie will er nicht etwa der Zoologie ein zu wörtlich verstandenes Schöpfungskonzept (mit dem Menschen im Mittelpunkt) überstülpen, um sie mit strammer Bibellehre zu versöhnen. Im Gegenteil, lautstark distanziert er sich vom "biblisch unhaltbaren Anthropozentrismus", der den Menschen als "Krone der Schöpfung" und einziges beseeltes Wesen sieht.

Stattdessen legt er sich mit weiten Teilen der neuzeitlichen Theologie an. Die sei "einem verhängnisvollen Irrtum über das Mitgeschöpf Tier" aufgesessen. Dabei handelt es sich um eine der verheerendsten Missinterpretationen in der Rezeptionsgeschichte der Bibel. Die Anweisung "Macht euch die Erde untertan" wurde als Freibrief missverstanden, mit Flora und Fauna nach Belieben verfahren zu können. Hagencord sieht in der Aufforderung einen Auftrag, Verantwortung zu übernehmen – als Beschützer der Schöpfung.