Das Muster ist aus den US-Streitkräften bekannt, wo Afroamerikaner und Hispanics dominieren; in Italien ist die Armee vor allem bei Männern aus dem armen Mezzogiorno begehrt. "Je höher die Arbeitslosigkeit, desto größer ist das Interesse an einer beruflichen Tätigkeit bei der Bundeswehr", lautete 2007 das nüchterne Fazit einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr (SOWI). Während in Ostdeutschland etwa 60 Prozent der jungen Männer einen Armeejob in Betracht zogen, waren es in Süd- und Westdeutschland weniger als 40 Prozent.

Berlin-Grünau. Hier liegt das Zentrum für Nachwuchsgewinnung Ost der Bundeswehr. Wer sich aus Sachsen als Zeit- oder Berufssoldat bewirbt, muss hier durch. Zwei Tage lang werden die Rekruten ärztlich untersucht, auf ihre sportliche Leistungsfähigkeit, aber auch auf Mathematikkenntnisse und psychologische Eignung getestet. Klar, sagt Vizechef Hans-Jürgen Beutler, die Bundeswehr sei im Osten "sehr begehrt" als Arbeitgeber: "In Brandenburg oder Bautzen, da ist ja ringsum nichts." Nach Reformen der Truppenstruktur gibt es in den neuen Bundesländern auch kaum noch Kasernen, weshalb 80 Prozent der Rekruten in westdeutsche Standorte ziehen. Klagen darüber hören Beutler und seine Kollegen fast nie. Die Leute im Osten, meint er, seien "mobiler und flexibler" als die Westdeutschen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? 

So konnte die Armee in der Vergangenheit ihre Nachwuchsprobleme relativ leicht lösen. Doch immer stärker macht sich bemerkbar, dass nach der Wende die Ost-Geburtenzahlen in den Keller rauschten. Im Jahr 2001 gab es 224.000 Schulabgänger, 2011 sind es nur halb so viele. "Man kann davon ausgehen", so die SOWI-Studie, "dass sich der Wettbewerb um die besser gebildeten, motivierten und leistungsbereiten Jugendlichen, wie er bereits heute in einigen Berufsgruppen und Branchen besteht, in Zeiten eines sich ausweitenden Fachkräftemangels spürbar verschärfen wird."

Mit Abenteuerspielen und Radiospots wird die Jugend umworben

Mehr als 15 Millionen Euro hat die Bundeswehr in den vergangenen vier Jahren für "personalwerbliche Anzeigen" ausgegeben. "Interessante und krisensichere Arbeitsplätze" werden darin angepriesen – und das ist, was auch eine 17-jährige Frau aus Riesa zum Wehrdienstberater gelockt hat. Sie möchte studieren, und bei der Bundeswehr, sagt sie, "kriegt man sogar noch Geld dazu". Die Aussicht auf den Auslandseinsatz lasse sie "schon zögern" – aber auch in Deutschland könne man ja vom Lkw überfahren werden.

Seit Jahren verfeinert die Truppe die Methoden der Nachwuchsgewinnung. Mit glitzernden Werbetrucks rollt sie auf Pausenhöfe und zu Ausbildungsmessen. Sie veranstaltet Beachvolleyball-Turniere und gemeinsam mit der Bravo einen jährlichen Sportwettkampf. "Liebst du das Abenteuer? Bist du topfit?", lautete der Aufruf auf einer kaum als Werbung erkennbaren Internetseite der Jugendzeitschrift. "Möchtest du tolle Tage im Ausbildungscamp der Einzelkämpfer verbringen? Dann solltest du dich schnell für die Bundeswehr Adventure Games 2009 bewerben!"

Sogar eine eigene Web-Community wurde gestartet – mit monatlich gut hunderttausend Klicks ist sie aber ein eher mäßiger Erfolg. Allein das Budget für Radiowerbung hat sich zwischen 2006 und 2008 vervierfacht. Energy Sachsen schickte vor Jahren eine junge Moderatorin zum Truppenbesuch nach Bosnien. Neuerdings lässt man Radiospots bei der PR-Agentur von Mannstein produzieren, auf die schon Helmut Kohl bei seinen Wahlkämpfen vertraute. Trotzdem ist es immer schwerer, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Um die Auslandskontingente füllen zu können, wurden vor drei Jahren die Anforderungen für freiwillig längerdienende Wehrpflichtige gesenkt.