Unsere Welt hat einen Sprung. Schon seit Langem. Hunderte von Millionen Menschen leben in allergrößtem Wohlstand, Hunderte von Millionen leben, hungern, schuften im Dreck. Eigentlich kann man in einer solchen Welt nicht normal vor sich hin leben. Wir tun es aber doch.

Natürlich gibt es Erklärungen dafür, warum die Welt so ist, Argumente, warum man daran wenig ändern kann und warum wir dann doch so weiterleben können. Diese Argumente sind nicht ganz falsch, jedoch funktionieren sie nur unter uns Reichen. Wir können sie niemandem ins Gesicht sagen, der hungert, der 20 Euro im Monat verdient und keinen Arzt hat. Wir wissen genau, dass wir das nicht können. Deswegen fahren unsere Präsidenten und Kanzler nicht zum Welthungergipfel, deswegen schämen wir uns zuweilen unseres Reichtums. Und das schon seit sehr langer Zeit.

Wir haben gelernt, mit der Scham und der Ungerechtigkeit zu leben. Von uns aus könnte das ewig so weitergehen.

Seit einem Vierteljahrhundert ist allerdings etwas Neues hinzugekommen: das Wissen um die Erwärmung der Erdatmosphäre. Und jetzt haben wir ein Problem. Die Ungleichheit bei Nahrungsmitteln und Konsumgütern ließ sich noch damit begründen – wie gesagt: unter uns –, dass wir uns eben schon so lange mehr anstrengen und geschickter wirtschaften als Asiaten, Lateinamerikaner oder Afrikaner. Aber wie um Himmels willen wollen wir begründen, dass wir mehr Kohlendioxid in die allen Menschen gehörende Erdatmosphäre blasen dürfen als die anderen? Zwanzigmal so viel, zehnmal, viermal, je nachdem.

Wir haben gelernt, mit der Scham der Ungerechtigkeit zu leben

Das lässt sich nicht begründen, nicht mal unter uns. Und plötzlich ist ein unwiderlegbarer Anspruch auf Gleichheit in der Welt. Und dieser Anspruch ist nicht bloß moralisch, er wird sogleich politisch. Weil wir in den vergangenen 25 Jahren auch die Macht verloren haben, anderen unseren Willen aufzudrücken, wenn schon unsere Argumente nicht ausreichten.

Nun stehen wir dumm da. Denn wenn sich der Gleichheitsanspruch weder widerlegen noch unterdrücken lässt, dann beginnt er sich auszudehnen, dann gewinnt er eine ungeheure Macht. Deshalb geht es beim Klima nur zur Hälfte um Eisbären, Polkappen und die Apokalypse. Zur anderen Hälfte geht es um Gerechtigkeit, um Gleichheit, um eine Vision: Alle Menschen sind gleich geschaffen, mit dem gleichen Recht, zu leben und zu emittieren, also zu konsumieren.

So gesehen, ist der Klimaschutz eine große, früher hätte man gesagt: erhabene Aufgabe – allerdings unter harten Bedingungen: Gelingt es uns, schneller leidlich gerechte Zustände zu erreichen, als die Klimaveränderung voranschreitet? Eines ist klar: Die Menschheit kann nur dann bis zum Jahr 2050 die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen, wenn sich bis dahin auch die Pro-Kopf-Emissionen rasant annähern, keine Klimarettung ohne Klimagerechtigkeit. Etwas anderes werden die Schwellenländer im Süden und im Osten nicht mitmachen. Warum auch?