Was lässt sich alles verbieten? Geht es nach dem Willen des freiheitlichen Parteiführers HC Strache und jenem seiner Mitstreiter wird Österreich nicht nur schleunigst dem Schweizer Vorbild nacheifern und die Errichtung jedes neuen Minaretts dezidiert untersagen müssen, sondern das Land wird gleich ein paar Schritte weiter vorauseilen: Letztlich darf keine Ruhe herrschen, bis jegliche islamische Präsenz aus der Öffentlichkeit verbannt worden ist. Das ist die Essenz der krausen "Pummerin statt Muezzin"-Logik, der sich die rechten Kulturkämpfer seit einigen Jahren verschrieben haben. Schon in wenigen Monaten werden die einschlägigen Forderungen neuerlich besonders aggressiv aufheulen. Dann wird der Wiener Wahlkampf umfunktioniert zu einer Volksabstimmung wider Kopftuch und Halbmond – und der Verweis auf das eidgenössische Plebiszit wird keine geringe Rolle dabei spielen.

Gewiss, Religion ist Privatsache. Doch nicht diesem Prinzip wollen die Freiheitlichen und ihre Sympathisanten zum Durchbruch verhelfen. Islam dient ihnen lediglich als Metapher. Systematisch wird ein gewaltiges Feindbild geschaffen, ein Popanz der Bedrohung, dem mit rationalen Argumenten nicht zu begegnen ist. Der Kampf gegen Bettürme und andere Glaubenssymbole ist lediglich ein Vorwand, um möglichst viele Unterstützer zu mobilisieren. Dass dabei jene Mechanismen zur Anwendung kommen, denen sich einst auch der politische Antisemitismus bediente, ist keineswegs ein Nebenaspekt. Es ist vielmehr das Wesentliche dieser Dämonisierung, die bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Längst sind es nicht nur die unverbesserlichen Fremdenhasser, die sich den modernen Kreuzzüglern angeschlossen haben. Ihre Gefolgsleute finden sich mittlerweile in biederen bürgerlichen Kreisen ebenso wie in den einstmals roten Trutzburgen der Gemeindebauten. Es gibt die pseudowissenschaftlichen Grübler, die sich in geopolitischen Spekulationen verlieren, und es gibt die Krawallpropheten, die von der "islamischen Bedrohung" zetern. Beide verbindet, dass sie weder ein konkretes ideologisches Konzept verfolgen noch sagen können, wodurch sie die gesellschaftlichen Strukturen, die sie vorgefunden haben, gern ersetzen würden. Sie stemmen sich lediglich dagegen, dass sich ihre Lebenssituation verändern und dass alte Sicherheiten von heute auf morgen ihre Gültigkeit verlieren könnten.

Diesem diffusen Gefühl, auf schwankendem Boden zu leben, verleiht das Feindbild Islam ein Gesicht. Niemand muss sich mit einer komplizierten Materie, wie es etwa die unterschiedlichen Tendenzen in den muslimischen Kulturen sind, auseinandersetzen. Es genügt, die Vorstellung glutäugiger Fanatiker heraufzubeschwören, so wie es früher genügte, Ritualmordlegenden im christlichen Abendland zu verbreiten.

In Österreich bedarf es auch gar keines ausdrücklichen Minarettverbotes. Wie bereits in Vorarlberg und Kärnten erfüllt das weniger spektakuläre, aber viel raffiniertere Instrument der Bauordnung denselben Zweck, ein Türmchen neben der Moschee zu vereiteln. "Artfremd" nannte der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll vor einiger Zeit diese Bauwerke, so als existierte irgendwo das Phantomwesen des Österreichers. Es war eine unüberlegte Bemerkung, die allerdings verrät, was hinter der Auseinandersetzung tatsächlich steckt. Sie ist kein Kampf um religiöse Symbole, sondern ein symbolischer Kampf in einer Gesellschaft, die immer stärker auseinanderdriftet und ihren ideellen Zusammenhalt verloren hat. Nur allzu gern greift eine Gemeinschaft, die keinen Ausweg aus ihrem Identitätskonflikt findet, nach einem Sündenbock.

Jede moderne säkulare Gesellschaft entwickelt sich immer stärker zu einer sozialen Agglomeration, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Subkulturen zusammensetzt. Jede verfolgt ihre eigenen Interessen, pflegt ihre eigenen Rituale. Eine davon ist, zumindest teilweise, die islamische Bevölkerungsgruppe. Indem sie stigmatisiert wird, entsteht die Illusion, es gäbe weiterhin eine dominierende "Art", welche die Spielregeln bestimmt, an die sich nur alle zu halten bräuchten. Der fatale Nebeneffekt dieser Selbsttäuschung: Es bilden sich tatsächlich Parallelgesellschaften. Etwa jene, die sich um ein Minarett schart, oder jene, die es um jeden Preis verhindern möchte.