In seiner programmatischen Schrift Altneuland avisierte Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, 1902 ein Eldorado der Sozialreform, ein Projekt, von dem es hieß: "Wir sind kein Staat [], wir sind einfach eine Genossenschaft, innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweckgenossenschaften gibt." Herzl entwarf eine Gesellschaftsordnung, die keine "eisernen Regeln, keine unbeugsamen Grundgesetze, überhaupt nichts Hartes, Steifes, Doktrinäres" kennen sollte, vor allem "keine etablierte Herrschaftsordnung". Die Zionisten, die Herzl im Auge hatte, sollten ein völlig neues Gemeinwesen schaffen, eine Gesellschaftsform zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen Individualismus und Kollektivismus.

Die erste, Alija (Aufstieg) genannte Einwanderung nach Palästina brachte von 1882 bis 1904 etwa 25000 Juden ins Land. Die Pioniere stammten vorwiegend aus Russland, Rumänien und Galizien. Sie wollten nicht nur die zaristische Tyrannei hinter sich lassen und den immer wütender werdenden Pogrom-Antisemitismus, sondern zugleich die strengen, einschränkenden Religionsgesetze des Schtetl. Ein guter Schuss Abenteuerlust war wohl mit dabei. Dass man Arbeiter und Bauer werden wollte, war indes nicht zuletzt eine Reaktion auf Jahrhunderte des Ausschlusses der Juden von jeder landwirtschaftlichen und gewerblichen Betätigung in der europäischen Diaspora.

Die ersten Gemeinschaftssiedlungen in Palästina entstanden nicht nach einem festen Plan, sondern nach der Methode von Versuch und Irrtum. Während der Periode des "praktischen Zionismus", nach Herzls Tod im Jahre 1904, wurde besonderes Gewicht auf den Ankauf und die Kolonisierung von Land außerhalb der traditionellen jüdischen Siedlungsgebiete gelegt. Der Jüdische Nationalfonds (JNF), eine 1907 gegründete Institution für Bodenkauf und Wiederaufforstung in Palästina, erwarb Land, das im "Nationalbesitz" bleiben, aber an Arbeiterkollektive verpachtet werden sollte. Den Boden bekamen die Siedler in Form einer erneuerbaren Dauerpacht für 49 Jahre, das heißt für eine biblische "Jubelperiode", zur Verfügung gestellt.

Der erste Versuch wurde 1907 in Sedjera in Galiläa unternommen. Die jüdischen Bauern gingen mit Feuereifer an die Arbeit. Doch das Experiment endete im Streit. Einer der Pioniere stellte desillusioniert fest: "Für mich ist jetzt der Beweis erbracht, dass wir noch zu kleine Menschen sind, um ein auf Brüderlichkeit und Gleichheit begründetes kommunistisches Leben führen zu können."

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Doch da war noch etwas anderes: Erstmals bekamen die jüdischen Siedler den Widerstand der Araber zu spüren, einige Kolonisten wurden ermordet. Der Siedler David Grün glaubte, "zum ersten Mal die Schärfe des ›arabischen Problems‹ und seiner Gefahren" zu verstehen. Er hielt nichts von der Vorstellung, die jüdischen Arbeiter würden Schulter an Schulter mit den ausgebeuteten und unterdrückten Arabern kämpfen. Grün verließ die Siedlung, nannte sich fortan Ben Gurion und ging zum Jurastudium nach Konstantinopel, in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, zu dem Palästina damals gehörte. 40 Jahre später rief er, inzwischen ein führender Politiker, im 1909 gegründeten Tel Aviv den Staat Israel aus.

1908 wurde die nächste Farm aufgebaut in einer aufgegebenen Karawanserei, wieder misslang der Versuch. Der leitende Agronom wollte arabische Arbeiter einstellen. Es kam zum Streik. Ein Teil der Genossen verließ die Siedlung. Man gab sie bald auf.