Wie viel?« Paul streckt fünf Finger der linken und zwei der rechten Hand aus. »Sieben die Stunde? Und nix Deutsch sprechen, oder wie?«, blafft der rotgesichtige Mann durch das heruntergekurbelte Türfenster seines schlammbespritzten Ford. Er lässt den Pritschenwagen ein paar Meter über den Parkplatz rollen. Paul zieht den rechten Zeigefinger ein. »Sechs?« Der Rotgesichtige tritt aufs Gas. Paul winkt mit fünf ausgestreckten Fingern hinter ihm her. Das Auto wird langsamer, die Beifahrertür öffnet sich. Paul springt in den rollenden Wagen, der Fahrer fädelt in den Morgenverkehr auf der Wiener Brünnerstraße ein. Im Rückspiegel verschwindet langsam die riesige Glaskonstruktion des Baumarktes und ihre grelle Aufschrift verliert sich zu einem gelb-roten Streifen. Eine Traube von Gestalten im schmutzigen Blaumann, abgewetzter Hose und löchrigem Pullover bleibt zurück. Die Männer treten von einem Bein aufs andere, um die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben. Bald sieht Paul nur noch Punkte am Horizont, wenn er den Kopf nach hinten dreht.

Heute hat er Glück gehabt. Bloß zwei Stunden lang musste er Regen und Wind trotzen, ehe er seine Arbeitskraft an den Mann bringen konnte. Manchmal wartet er tagelang vergebens. Dabei ist Paul der Traum eines jeden Arbeitgebers: flexibel, vielseitig einsetzbar, ohne Rechte, auf die er sich berufen könnte, und extrem günstig. Doch hier, auf dem Wiener Arbeiterstrich, ist die Konkurrenz groß, und die Preise sind entsprechend niedrig. Diejenigen, die wie Paul kaum ein Wort Deutsch sprechen, haben oft das Nachsehen.

Isolierband verbirgt tiefe, blutige Löcher in der Haut der rechten Hand

Rund 98000 ausländische Vollzeitpfuscher arbeiten derzeit illegal in Österreich; etwa 38 Prozent davon – wie Paul – auf Baustellen. »Sie kommen vorwiegend aus jenen Ländern, die durch die Osterweiterung in die EU gekommen sind, aus Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Rumänien, es sind aber auch Italiener darunter«, sagt Friedrich Schneider, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Linz. Laut seiner aktuellen Studie befindet sich die Schwarzarbeit nach vier rückläufigen Jahren wieder im Steigen. Verantwortlich ist die Wirtschaftskrise. »Die Einkommensverluste aus der offiziellen Wirtschaft werden durch mehr Schwarzarbeit kompensiert« schreibt er. In Zahlen bedeutet das: Insgesamt 20,5 Milliarden Euro werden mit Pfusch umgesetzt. Im Vergleich der OECD-Mitgliedsstaaten ist das wenig. Während Schwarzarbeit in Österreich heuer 8,5 Prozent des heimischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) ausmachen wird, liegt der OECD-Durchschnitt bei 13,8 Prozent des BIP. Spitzenreiter sind Griechenland (25 Prozent) und Italien (22 Prozent), weniger gepfuscht als in Österreich wird nur in der Schweiz (8,3 Prozent) und in den USA (7,6 Prozent). Im ersten Halbjahr 2009 erwischten die Kontrolleure des Finanzministeriums bei 35269 Personenüberprüfungen in 14622 Betrieben 5720 illegal beschäftigte Ausländer.

Riskant ist das Geschäft sowohl für die Pfuscher als auch für die Auftraggeber: Während die Arbeiter stets damit rechnen müssen, um ihren Lohn geprellt zu werden, können sich die Auftraggeber nie sicher sein, wie die Qualität der Arbeit ausfallen wird. Wenn sie ertappt werden, müssen beide Seiten zahlen. Der Auftraggeber steigt dabei besser aus: Für ihn setzt es eine Verwaltungsstrafe von 2180 Euro. Der Pfuscher wird hingegen mit einer Geldbuße von 3600 Euro wegen unbefugter Gewerbeausübung belegt.

Dass Schwarzarbeit in Österreich weitgehend als Kavaliersdelikt gilt, ist Pauls großes Glück. In seiner Heimat, dem 7000-Seelen-Dorf Făget, östlich von Rumäniens zweitgrößter Stadt Timişoara gelegen, gibt es nichts, wovon es sich leben ließe: Der Hof, auf dem seine Frau, seine drei kleinen Kinder und seine pflegebedürftige Großmutter leben, hat weder Strom- noch Wasseranschluss. »Das Höchste der Gefühle ist, wenn du für ein paar Euro den Traktor eines Nachbarn reparieren kannst«, erzählt Paul. Seit einem knappen Jahr lebt der 26-jährige Arbeitsnomade nun in Wien. Mehr schlecht als recht, denn was er verdient, schickt er nach Hause. Außer an Tagen, an denen die Verbitterung zu groß geworden ist. Dann kann es vorkommen, dass er die wenigen, schwer verdienten Euro innerhalb von ein paar Minuten in einem der Spielautomaten im nächsten Eckcafé versenkt und den Ärger über die Pleite mit einigen Flaschen Bier, die er anschreiben lassen kann, hinunterspülen muss.

Paul wirft fünf zerknitterte Zehn-Euro-Scheine auf den Tisch. Der Lohn für zehn Stunden Plackerei auf einer Baustelle im burgenländischen Eisenstadt. Mit den Zähnen reißt er die ungezählten Schichten weißen Isolierbandes auf, das er um den rechten Zeigefinger und Daumen gewickelt hat. Tiefe, blutige Löcher in der von Schweiß aufgeweichten Haut kommen zum Vorschein. »Mit der Bohrmaschine ausgerutscht«, murmelt er, während er seine Hand in einer Wasserschale aus Plastik badet, um Ziegelstaub und Gips aus den Wunden zu waschen.

Um halb fünf Uhr morgens läutet sein Wecker. Sieben Tage die Woche. Werktags steigt er in die Pritschenwagen und Transporter der Baufirmen, am Wochenende in die Autos der Häuselbauer. Wenn Paul sich aus den speckigen Steppdecken schält und das Wohn-Schlafzimmer durchquert, muss er über fünf schlafende Körper steigen, die zusammengerollt auf dem abgetretenen, braunen Teppich liegen, der den nackten Estrichboden teilweise bedeckt. Sein Atem erzeugt weiße Wölkchen in dem klammen Raum. Er zündet die vier Flammen des Gasherds im Vorzimmer an. Raucht mit hastigen Zügen eine Zigarette. Dann weckt er die anderen. Ein paar Kerzen flackern. Heizung und Strom sind bereits seit mehreren Monaten abgestellt. Unbezahlte Rechnungen türmen sich auf der Kartonkiste, die als Couchtisch dient.

Eines der Mobiltelefone quäkt los, ein rumänischer Schnulzensänger beschwört die ewige Liebe. Gedankenverloren und mit steifen Bewegungen schlüpfen die Männer in ihre abgetragene Kluft. Die Hosen und Pullover sind steif vor Schmutz. Schweigend schlürfen sie Löskaffee. Sie besitzen nur zwei Tassen, die sie kreisen lassen. Zu sechst bewohnen sie die 30 Quadratmeter große Garçonnière, die Paul für monatlich 340 Euro gemietet hat. Die Dusche steht neben dem Herd im Vorzimmer, die Gangtoilette teilen sich rund 35 Nachbarn aus Rumänien, die auf der vierten Etage einer baufälligen Mietskaserne in Wien-Favoriten hausen; eine überbelegte Einzimmerwohnung neben der anderen.

Morgens herrscht reger Betrieb im Stiegenhaus: Die meisten Bewohner des vierten Stockwerks machen sich auf den Weg zu einer der Ausfallstraßen an der Peripherie, an denen die Taglöhner des Arbeiterstrichs auf Auftraggeber warten. Ähnlich geht es auf der dritten Etage zu. Dort wohnen hauptsächlich Polen.

Tagein tagaus schwärmen die Männer in der Morgendämmerung aus. Treffpunkt ist immer der Parkplatz vor einem Baumarkt. Dort kurven die Chefs für ein paar Stunden herum, wählerisch wie die Freier auf dem Liebesmarkt. Höchstens acht Euro in der Stunde verdienen die Universalhandwerker bei ihren wechselnden Auftraggebern. Sie stellen Rigipswände auf, setzen Fenster ein, verputzen Fassaden, legen Estrich auf dem Boden, malen Räume aus, kleben Fliesen oder ziehen Kabel in Wände ein – nichts, was sie nicht könnten. Oder zumindest nichts, was sie nicht einfach trotzdem täten.