Jüngst ging das Gerücht um in Dubai, die Regierung würde in leeren Hochhäusern die Beleuchtung bezahlen, damit die düsteren Giganten der krisengeplagten Bevölkerung nicht aufs Gemüt schlagen. Die Sache war nicht zu beweisen, wie so oft. Es waren die Undurchsichtigkeit und der sie überstrahlende Glanz, welche Dubai groß und berühmt gemacht haben. Mochte der Herrscher des Vitrinen-Emirats auch planen, was er wollte, es würde schon weitergehen: höher, schöner, reicher. Vorige Woche dann, vor dem muslimischen Opferfest, kam das böse Erwachen aus der Investoren-Trance. Die Holdinggesellschaft Dubai World bat ihre Gläubiger um Aufschub bei der Schuldentilgung. Dann folgte die kalte Dusche für alle, die ihr Geld in dem Golfemirat geparkt haben: Der Staat will nicht für den Staatskonzern Dubai World garantieren.

Dubai schlingert. Die Financiers flüchten aus der Metropole, die Börsen am Golf zucken wild nach unten, die Welt fragt sich: Warum ist Dubai World abgestürzt? Ist Dubai pleite? Wer könnte dem Emirat helfen – und zu welchem Preis?

Sinn für Ironie haben die Herrscher von Dubai. Vor wenigen Wochen stellten sie noch den Burj Dubai fertig, eine leuchtende Nadel in den Wüstenhimmel, das höchste Gebäude der Welt. Es war das zu Ende gebaute Großprojekt aus der Zeit vor der Krise. Dubai war über Jahre die funkelnde Erfolgsgeschichte der Globalisierung. Zu riesigen Palmen geformte Inseln wurden in den Golf hinausgebaut. Darauf die teuersten Hotels der Welt, die exklusivsten Villen, die höchstgelegenen Luxusapartments. In Dubai, wo Muslime neben Christen, Hindus neben Goldanbetern leben, war der Superlativ das gemeinsame Glaubensbekenntnis.

Ermöglicht wurde die Erfolgsgeschichte von dreißig Jahren durch Öl und Handel und auch durch die Kriege im Irak, für die die Waffen in Dubai umgeschlagen wurden. Doch was den Traum ins Bizarre trieb, war der Bauwahn auf Pump. Der staatlich kontrollierte Immobilienentwickler Nakheel, einst Vorzeigefirma, jetzt Lumpenfiliale des Konzerns Dubai World, hatte viele der Leuchtturmprojekte im Emirat erbaut. So funktionierte das Prinzip Nakheel. Beim Bauen in luftigen Höhen arbeitete der Konzern mit immer kurzfristigeren Krediten. Das Geld nahm Nakheel an den internationalen Märkten auf. Die Firma verkaufte Land an Immobilienfirmen und zahlte so die Kredite ab. Die Einnahmen wuchsen wie die Hochhäuser, es war ein gigantisches Geschäft. Bis zum großen Crash 2008. Seither verkauft Nakheel kaum noch, seither kämpft der Entwickler darum, jede Tranche abzustottern. Das wurde hinter den Glasfassaden wohlverborgen. Nun ist der Schuldenkreislauf vor aller Augen zusammengebrochen, Dubai bekennt, seine Schulden nicht mehr bedienen zu können.

Dubai World, die Dachgesellschaft von Nakheel und einstige Perle des Scheichs Mohammed bin Raschid al-Maktoum, steht mit rund sechzig Milliarden Dollar in den roten Zahlen. Dubai World gehört zu achtzig Prozent dem Emirat. Die Staatsunternehmen Dubais müssen im kommenden Jahr insgesamt über dreißig Milliarden Dollar zurückzahlen. Die Ankündigung der Regierung vom Wochenbeginn, dass sie nicht für alle Schulden ihrer himmelstürmenden Unternehmen einstehen wolle, alarmiert die Investoren und freut die Feinde des Traums von Dubai.

Im Westen nicken jene, die es immer schon wussten: "Ohne Öl wird der Araber doch nicht reich." Im Osten frohlocken die Islamisten, denen ein auf Geld und Zinseszins aufgebautes Leben zuwider ist. Dubai sei dazu verdammt unterzugehen, schreibt der islamische Vordenker Ali Bulac aus Istanbul. "Es war die Ikone eines falschen Himmels, ein falsches Glück, pures Piraten-Entertainment und die Leiter der neuen Reichen in der Wüste. Alles nichts als eine Fata Morgana!" So und ähnlich prasseln nun die flotten Urteile.

Ist Dubai am Ende? Davon kann keine Rede sein. Das Emirat hat Schulden, aber es hat auch einen Riesenbesitz. Wäre Scheich Mohammed al-Maktoum bereit, sich davon jetzt zu trennen, würde sein Land gar nicht in der Schuldenfalle stecken.