Josef Ackermann hält sich nicht für einen guten Pianisten. Ein bisschen Chopin, ein bisschen Mozart, dafür reicht es, wenn er sich in seinem Haus in Zürich an den Steinway setzt. Als Vierjähriger hat der Arztsohn die ersten Klavierstunden genommen, heute bekommt er am Flügel am besten den Kopf frei. Und an manchen Tagen ist Ackermann, dem Opernfan, nicht nach Klassik zumute, sondern nach Elvis Presley oder Frank Sinatra. Dann singt er laut "I did it my way".

Beiläufig erzählt Ackermann das, zum Abschied. Er steht in seinem Büro im 27. Stock und schaut aus dem Fenster auf die Türme der Frankfurter Innenstadt. Es ist dunkel geworden während der vergangenen Stunde, statt grauen Regenhimmels sieht man von hier oben auf Hunderte hell erleuchteter Hochhausfenster. Im Gespräch ging es um den Wahlkampf, um die Kanzlerin und um die Sozialdemokratin Gesine Schwan, die gern Präsidentin geworden wäre und die Ackermann kürzlich in ihrem Berliner Büro getroffen hat. Als Schwan sagte, man solle Banker nicht verurteilen, sondern über andere Spielregeln sprechen, war Ackermann begeistert. Er hat sie spontan angerufen. Oft scheint er das nicht zu erleben.

Seit Beginn der Finanzmarktkrise hat die Berliner Politik Josef Ackermann hofiert und beschimpft, sie hat ihn um Hilfe gebeten, ins Vertrauen gezogen und dann Wahlkampf gegen seinen ganzen Berufsstand gemacht. Ackermann wurde im Sommer wie ein Halbkrimineller vor einen Untersuchungsausschuss zitiert. Dann wieder wurde er, der Schweizer, als einziger Repräsentant der deutschen Wirtschaft zu offiziellen Regierungsempfängen eingeladen. Beim Staatsakt zum Mauerfall am 9. November saß er neben Helmut Kohl, George Bush und Michail Gorbatschow.

An den Fragen, ob Ackermann den Politikern gerade als der Gute oder als der Böse gilt und ob die Republikverwalter und Finanzmarktherren einander nahestehen, hängt viel, für beide Seiten. Die Politik kann die Existenz der Banken nach wie vor mit ein paar Federstrichen erschüttern. Und die Banken haben mit ihrem Bedarf an Unterstützung die öffentlichen Haushalte schon jetzt für viele Jahre ruiniert.

Mit seinem Vorschlag für einen Fonds stößt er auf Ablehnung und Häme

Im Augenblick gelten Banker ganz allgemein eher als die Bösen. Viele in Berlin schauen mit Staunen darauf, dass große Finanzhäuser schon wieder gewaltige Summen an ihre Mitarbeiter auszahlen. Allein die drei großen US-Investmentbanken Goldman Sachs, Morgan Stanley und J.P. Morgan sollen für 2009 Boni von insgesamt rund 30 Milliarden Dollar planen. Bei der Deutschen Bank wurden in den ersten drei Quartalen für die 14000 Investmentbanker mehr als vier Milliarden Euro verbucht, ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum des Jahres 2008.

Das Kasino sei wieder eröffnet, klagt Sparkassenpräsident Heinrich Haasis. Die "Banken haben ihr Verhalten nicht wesentlich verändert", findet Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Angela Merkel erinnert im Bundestag daran, "dass der Finanzsektor im Kern eine dienende Funktion für das Funktionieren der wirtschaftlichen Kreisläufe hat".

Dienen – das klang wie eine Warnung. Jedenfalls ist es eine Formulierung, die Ackermann nicht gefällt. Er sagt das am Montag vergangener Woche, einem dieser Tage, an dem die Welt des Geldes und die Welt der Politik mehr zu trennen scheint als die 430 Kilometer zwischen Frankfurt und Berlin. Einem Tag, der mit scheinbar harmlosen Ackermann-Sätzen im Bankenviertel beginnt und mit viel Aufregung im Regierungsviertel enden wird. Aber das weiß der Chef der Deutschen Bank noch nicht, als er am Abend diese Sätze sagt.

Am Vormittag hat er sich auf einem Kongress für einen europäischen Notfallfonds für die Banken ausgesprochen. Er könnte bei einer neuen Krise in der Finanzwelt einspringen. Auch der Staat solle sich daran beteiligen. Neu ist die Idee nicht, Ackermann hat sie mehrfach vorgetragen. Die Wirtschaftsweisen haben einen ähnlichen Vorschlag gemacht. Sogar der britische Premier Gordon Brown meldete sich deswegen beim Chef der Deutschen Bank. Er wollte das Konzept übernehmen.

Banker und Politiker lebten in Parallelwelten, sagt Steinbrück

Vor etwa zweihundert Bankern wiederholt Ackermann seine Idee. Die Rede dauert nicht einmal zehn Minuten. Ein knapper, unprätentiöser Auftritt, der beim Frankfurter Publikum zunächst keinen großen Widerhall findet. "Mehr denn je fällen wir Entscheidungen in Unsicherheit, unsere künftigen Geschäftsmodelle liegen im Nebel, denn wir müssen uns auf eine wahrscheinlich fundamental veränderte Regulierung einstellen", ruft Ackermann in den Saal.

Die Zukunft der Banken liegt in der Hand der Politik – das soll die fast demütige Botschaft seiner Rede sein, eigentlich. Ein riesiges Bild von Angela Merkel erscheint auf der Großleinwand im Hintergrund.