Der Beitrag der City zum britischen BIP ist mittlerweile auf rund sechs Prozent gesunken. Die meisten Finanzökonomen und die Regierung sind sich einig, dass es mindestens zehn Jahre dauert, bis die Finanzbranche wieder eine gewichtige Rolle spielt. Ohne sie wird der britischen Wirtschaft eine rasche Rückkehr zu gesundem Wachstum kaum gelingen können, denn anders als in Deutschland und den USA wurde in Großbritannien die Industrie derartig vernachlässigt, dass sie sich nun neu aufstellen muss.

Es gibt in Großbritannien bislang kein Lehrstellensystem, das Schulabgängern eine handwerkliche oder industrielle Grundausbildung vermittelt oder sie gar zu Facharbeitern macht. Stattdessen wird die Ausbildung den Firmen überlassen und steht damit unter ständigem Sparzwang. Die Konservativen haben sich das Thema für den bevorstehenden Wahlkampf vorgenommen und versprechen eine "Revolution". Aber selbst wenn die nächste Regierung es ernst meint, wird es Jahre dauern, bis das Ausbildungssystem einer ganzen Nation verbessert ist und Facharbeiter auf den Arbeitsmarkt kommen, die international konkurrieren können.

Bis dahin muss die britische Industrie vor allem als Standort für die Massenproduktion von Autos, Fernsehern und Computern gegen die Schwellenländer bestehen. Zwar gibt es einige Industriebereiche, in denen Großbritannien den Anspruch des Weltmarktführers erheben kann, die Satelliten- und Raumfahrttechnologie, Waffensysteme und einige Nischen in der Biotechnologie. Jedoch sind dies alles keine Industriezweige, die genügend Wachstumspotenzial haben, um die gesamte Wirtschaft mitzureißen.

Unternehmen in der Umwelttechnologie könnten das. Aber auch den Beginn der grünen Revolution im vergangenen Jahrzehnt haben die Briten verpasst. Kaum zwei Prozent ihres Stroms stammen aus erneuerbarer Energie, und im Vergleich zu den Deutschen sind sie Anfänger im Recyceln von Hausmüll, Flaschen und Papier. Selbst der britische Industrieverband CBI räumt ein, dass "Großbritannien die grüne Zukunft noch nicht angenommen hat".

In den siebziger Jahren war Großbritannien als der kranke Mann Europas bekannt, den die übermächtigen Gewerkschaften in der Kohle- und Stahlindustrie zum Krüppel gemacht hatten. Dann kam Margaret Thatcher und führte die Revolution des angelsächsischen Finanzkapitalismus und der Dienstleistungsgesellschaft an. 30 Jahre später geht das Land, bildlich gesprochen, wieder am Stock.