Regen rinnt die Windschutzscheibe hinab, die Scheibenwischer schwingen hin und her. Mein Nacken entspannt sich. Siehst du, flüstert der kleine, blaue Peugeot, alles wird gut. Die Ampel springt auf Grün. Ich gebe Gas, das Autochen holpert übers Pflaster. Schnell ist was anderes, denke ich, sage aber nichts. Denn der Peugeot mit dem augenzwinkernden Beinamen Filou ist ein nettes Auto, er ist gut zu mir. Er sagt: Schau, mein Lenkrad lässt sich ganz leicht drehen, damit du es nicht so schwer hast, dein Tag war ja schon schwer genug. Er sagt: Mir musst du nichts beweisen. Sieh mich an, ich bin blau wie die Verpackung eines Hygieneartikels und habe ein Saarbrücker Kennzeichen. Ich bin, das gebe ich gerne zu, ein bisschen langweilig. Aber auch ich habe meinen Platz auf dieser Welt gefunden.

Ach, du verstehst das nicht, seufze ich, es gibt Frauen, die haben in meinem Alter schon zwei Kinder UND verdienen Geld UND sind gertenschlank UND fahren einen schwarzen Geländewagen und nicht ein Testauto wie dich. Schschsch, sagt das kleine Auto. Ist schon okay. Du wirst deinen Weg gehen. Sieh mich an. Mich haben früher alle belächelt. Weil ich so knautschig und unelegant aussehe. Und heute? Heute stehe ich mit 46053 Neuzulassungen im Jahr 2008 auf Rang zwei der meistverkauften Importmodelle.

Wir zuckeln am Berliner Dom vorbei. Übrigens, fährt er fort, viele Frauen können es nicht sein, die so ein UND-UND-UND-Leben führen. Die meisten, wenn sie Kinder haben, verdienen erst mal nicht besonders viel. Teilzeitfalle.

Ich öffne das Fenster einen Spalt weit. Vom Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz weht der klebrige Geruch von Zuckerwatte herein. Aber, frage ich das kleine Auto, wärst du nicht auch gern manchmal jemand anderes? Eine wichtige Limousine? Ein eleganter Mini, dem alle freundlich zulächeln?

Klar kenne ich diese Momente, sagt er, dann denke ich: Wenn ich wenigstens nicht so komisch blau lackiert wäre. Rot stände mir viel besser. Aber es ist doch so: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Ich verbrauche außerorts nur fünf Liter, und mein CO₂-Ausstoß beläuft sich auf minimale 147 g/km, darauf bin ich stolz. Da hast du ganz recht, sage ich, ich habe einen Parkplatz direkt vor meinem Haus gefunden, also dann bis morgen. Gute Nacht, sagt er. Und denk daran, du musst dir im Leben wahre Freunde suchen – solche, die sehen, wer du wirklich bist hinter deiner knautschigen Karosserie.