Es fällt nicht leicht, aber man muss sich Martina Weyrauch in diesen Tagen als einen glücklichen Menschen vorstellen. Die Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung in Brandenburg sitzt ziemlich unvermittelt im Auge des Orkans und gibt trotz allem vor, sich darüber zu freuen. Der Orkan, der seit knapp einem Monat über Brandenburg hinwegfegt, trägt den Namen Versöhnung. Er hat das politische Klima in dem sandigen, dünn besiedelten Land ordentlich durcheinandergewirbelt.

Vor Wochenfrist noch hatte Weyrauch den Orkan als einen Aufbruch bezeichnet. Nachdem aber allein in den letzten Tagen drei bisher unbekannte IM-Fälle in den Reihen der Brandenburger Links-Fraktion bekannt wurden – keine vier Wochen nach Bildung der rot-roten Koalition –, ist die kurze Zeit der Unschuld schon wieder vorbei. Die bisherige Vizepräsidentin des Landtags, Gerlinde Stobrawa, ist von ihrem Amt zurückgetreten; die Abgeordnete Renate Adolph gibt ihr Mandat zurück. Und auch Martina Weyrauch schränkt ein: "Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist kein Spaziergang. Sie ist mit Zumutungen verbunden, denen man sich stellen muss."

Dementsprechend ist die Stimmung in Brandenburg im Moment erhitzt, nervös, mitunter gar hysterisch. Auch Weyrauch, in der DDR promovierte Rechtswissenschaftlerin, ist persönlich in die Schlagzeilen geraten. Eingebrockt hat es ihr der brandenburgische CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski. Nicht nur, dass er aus Protest zur Wahl Matthias Platzecks zum Ministerpräsidenten in der Häftlingskleidung des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Cottbus erschien, anschließend legte der Politiker nach: Es könne nicht angehen, dass ausgerechnet ehemalige SED-Mitglieder wie Weyrauch erklärten, "dass Stasi-belastete Politiker selbstverständlich als Minister geeignet" seien. Noch bevor die Fraktionsvorsitzende der Linken, Kerstin Kaiser, wegen ihrer Vergangenheit als inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi auf ein Ministeramt verzichtete, hatte Weyrauch sich öffentlich für sie eingesetzt. Nun steht ihr Telefon nicht mehr still.

Geht so Aufarbeitung? Oder worum dreht es sich in dieser kontrovers geführten Debatte wirklich? Muss sich der ehemalige Bürgerrechtler Platzeck, der mit seiner in einem Spiegel -Essay erhobenen Forderung, "ehemalige Täter und Mitläufer der DDR-Diktatur" politisch stärker in die Verantwortung einzubinden und ihnen eine Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft zu ebnen, nun vorwerfen lassen, fahrlässig und ohne Kenntnis der Zustände in der Links-Partei gehandelt zu haben? Oder muss man ihm, trotz der eklatanten Rückschläge, zugestehen, einen Vorhang beiseitegeschoben zu haben? Einen Vorhang, der sich vor die politische Realität im Osten gelegt hatte und verbarg, dass dort, wo Die Linke in vier von fünf Länderparlamenten zweitstärkste Kraft ist, nach neuen Wegen gesucht werden muss.

Eignet sich jemand mit einer DDR-Elitebiografie für den Job?

Nun wird auch Weyrauchs Biografie diskutiert, zum ersten Mal, wie sie erzählt. Dabei leitet sie seit neun Jahren die Landeszentrale für politische Bildung und hat auch bislang nichts verheimlicht. Doch nun steht in den Räumen der kleinen Villa neben dem Alten Friedhof ein Fragezeichen. Denn was Dieter Dombrowski nicht sagte, mit seinen Vorwürfen wohl aber gemeint haben dürfte, ist: Eignet sich jemand mit einer DDR-Elitebiografie für den Job?

Martina Weyrauch ist eine kleine Frau mit einem festen Händedruck. Gleich zu Beginn unseres Spaziergangs über den Alten Friedhof erzählt sie, wie die Stasi einst bei ihr vor der Tür stand. Die junge Mutter hatte sich Ende der achtziger Jahre auf unkonventionellem Wege dafür eingesetzt, dass der Kindergarten ihrer Tochter neues Spielzeug bekam. Daraufhin fühlte sich die Staatsmacht herausgefordert, ihr zu zeigen, wer in diesem Land wofür verantwortlich ist.

Später im Gespräch wird Weyrauch zugeben, auch "Teil der SED-Diktatur" gewesen zu sein. Für solche Geständnisse ist man fast dankbar. Sollte mit der Platzeckschen Offensive nicht eine neue Ära beginnen? Eine, in der DDR-Biografien lückenlos erzählt werden können, ohne dass man sie nachträglich beschönigen muss?