Ungarns letzter Bestseller aus der Prä-Potter-Zeit heißt Harmonia Cælestis. Seit seinem Erscheinen sind er und der Autor mit ebenso viel Fantasie gerühmt worden, wie diese Familiensaga selbst entfaltet. Als Jahrhundert, gar als Jahrtausendroman, als Markstein der mitteleuropäischen Literatur feierte man das Buch; den Autor als Arno Schmidt des Ostens, als Umberto Eco Ungarns. Selbst an die Hundert Jahre Einsamkeit von García Márquez hat manche Kritiker Harmonia Cælestis’ Reichtum an Figuren, Anekdoten und Gaukeleien erinnert.

Der Chronist, Spross eines der ältesten und reichsten Adelsgeschlechter Ungarns, kam 1950 zur Welt. Zwei Jahre zuvor hatten die Kommunisten die Esterházys von ihren Gütern vertrieben. Und sie damit auch als privilegierte Protagonisten einer großen Geschichte gebannt. Péter Esterházy schrieb sie in zehn Jahren auf, sprach- und detailverliebt. Er lässt bekannte Esterházys die Jahrhunderte durchziehen, mal als Fürst, mal als Bücherwurm, mal als Schürzenjäger – bis hin zum liebenswürdigen Porträt des eigenen Vaters. Als das Manuskript im Jahre 2000 schon im Druck war, entdeckte der Schriftsteller beim ungarischen Pendant der Gauck-Behörde, dass der inzwischen verstorbene Paterfamilias, Mátyás Graf von Esterházy, als IM für die ungarische Stasi gearbeitet hatte. Der Sohn quälte sich durch die Akten und schrieb als Nachtrag ein neues Buch: Verbesserte Ausgabe, 372 Seiten lang in der deutschen Fassung. Die Rezensenten würdigten die Trauerarbeit als "heroische Geste" (so der Schriftsteller Péter Nádas).

Doch nun sollen die Bücher des liberalen Esterházy vernichtet werden. Dies jedenfalls ist die Parole, die diesmal nicht Kommunisten, sondern Nationalisten ausgaben. Der Aufruf zur Liquidierung nicht nur der Werke Esterházys, sondern auch derer jüdischer Autoren wie György Konrád, Péter Nádas und György Spiró stand vor Kurzem in der Magyar Demokrata . Sie gehört zu den größten rechts orientierten Wochenzeitungen Ungarns. Und war zuvor vom Populisten und Expremier Viktor Orbán, der bei den Wahlen im kommenden April mit einer Zweidrittelmehrheit rechnen kann, zu einem seiner Lieblingsblätter erklärt und geadelt worden.

In der Nummer 43/09 der Zeitung durfte sich der bis dahin unbekannte Autor Ádám Pozsonyi mit der Forderung nach einer "Kulturpolizei" profilieren: "Bilden wir kleine Hauskommandos. Lasst uns die Bibliotheken mit drei, vier Leuten durchkämmen und die Eiterherde der linksliberalen Vaterlandsverräter entwenden und vernichten. Wenn sich die Bücher nicht herausschmuggeln lassen, zerreißen wir die Seiten, bekritzeln sie und machen die Sudeleien dieser Niemande … für die weitere geistige Vergiftung unbrauchbar."

Gegen die Schriftsteller selbst hetzte der rechtsradikale und antisemitische Trommler: "Spiró ist Schorf, Konrád ist Fluch, Nádas lässt mich sofort kotzen! So soll die Marschmusik der aufzustellenden kleinen Freikorps klingen, die in einem heldenhaften, heiligen Kampf für die Reinigung des ungarischen geistigen Lebens in die Schlacht ziehen. Wir dürfen keine moralischen Hemmungen haben. Diese Leute sind Mörder, ihre Gifte sind aus unserem Organismus auszumerzen … Wenn ein ungarischer Mensch einen Esterházy-Band erblickt, soll er, aus seinem Schlaf hochgerissen, den Mülleimer anpeilen und schon mit halb geöffneten Augen, das Gähnen noch unterdrückend, zum Wurf ausholen … Auf zum Heiligen Krieg, meine Freunde!"

Der Aufschrei der Minderheit im Lande über das rechtsradikale Pamphlet veranlasste die Redaktion zu einem zynischen Ausweichmanöver. Das Ganze sei doch nur ein Spaß gewesen, ließ das Oberkommando des Blattes verlauten, die Kritiker hätten keinen Humor.

Nur: Wie viele Ungarn werden überhaupt die Ironie des angeblichen Spaßes verstehen? Laut einer Umfrage wissen gerade mal vier Prozent der Ungarn zwischen 18 und 30 Jahren, was das Wort "Holocaust" bedeutet.