Es ist eine Nachricht, die nicht zur gegenwärtigen Aufregung um Bologna zu passen scheint: Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen kommt eine groß angelegte Studie zu dem Ergebnis, dass Absolventen der neuen Studiengänge überraschend gute Berufsaussichten haben. Vor wenigen Wochen erst hatten Kasseler Hochschulforscher in einer bundesweiten Untersuchung ermittelt, dass der Bachelor ähnliche Einstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt bietet wie ein Diplom oder der Magister – allerdings bei geringerer Bezahlung. Jetzt zeigt eine Umfrage unter Hunderten deutschen Industrieunternehmen, dass Ingenieure mit Bachelor- oder Masterabschluss zum Teil sogar höhere Gehälter erzielen als ihre Dipl.-Ing.-Kollegen.

So gaben 12 Prozent der Personalchefs an, Universitätsabsolventen mit Master von Anfang an mehr zu zahlen als ihren Dipl.-Ing-Kollegen, nur knapp 3 Prozent entlohnen schlechter. Die große Mehrheit von 85 Prozent macht keinerlei Unterschiede. Noch extremer fallen die Zahlen bei den Masterabsolventen der Fachhochschulen aus: 18 Prozent der Betriebe zahlen ihnen mehr als den Diplomkollegen, nur gut 2 Prozent weniger.

Durchgeführt wurde die repräsentative Umfrage vom wirtschaftsnahen Forschungsinstitut IW Köln, Kooperationspartner ist der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Die Methodik der Untersuchung ist nach Expertenansicht über Zweifel erhaben: Das sogenannte IW-Zukunftspanel wird regelmäßig erhoben, umfasste in der aktuellen Runde 3906 Unternehmen und damit fast zwei Drittel der deutschen Privatwirtschaft. 362 Betriebe beschäftigten zum Befragungszeitpunkt bereits Ingenieure mit Bachelor- oder Masterabschluss, nur ihre Angaben flossen in die Auswertung der Studie ein.

Ein bedingt positives Bild ergibt sich nach der Auswertung auch für die Inhaber eines FH-Bachelorabschlusses: Zwar muss jeder Fünfte von ihnen am Anfang seiner Karriere mit weniger Geld auskommen als seine Diplomkollegen, doch umgekehrt bedeutet das für immerhin 80 Prozent das gleiche Gehaltsniveau. Nach drei bis fünf Berufsjahren hat sich das Verhältnis sogar zugunsten der Bachelorabsolventen gedreht, dann werden 10 Prozent von ihnen besser bezahlt als Diplominhaber und nur knapp 7 Prozent schlechter. Passend dazu stimmten neun von zehn befragten Unternehmen der Aussage zu, entscheidend für die Karriereentwicklung sei nicht der Name des Studienabschlusses, sondern die "Bewährung im Unternehmen".

"Die Botschaft ist eindeutig", sagt VDI-Direktor Willi Fuchs: "Der Bachelor ist kein Ingenieur zweiter oder gar dritter Klasse." Ein bemerkenswerter Satz angesichts der Entschlossenheit, mit der sich Berufsverbände und technische Universitäten lange Zeit gegen die Studienreform gewehrt haben: Der Dipl.-Ing. sei das weltweite Markenzeichen deutscher Ingenieurskunst, sein Verlust nicht hinnehmbar. Was für wissenschaftliche Karrieren gelten mag, erweist sich in der Berufspraxis als unbegründete Befürchtung – zumindest wenn man der IW-Studie Glauben schenkt. Oder, um es in den Worten von Willi Fuchs zu sagen: "Es kam vor der Studienreform auf den Namen der Hochschule an, von der man kommt, es kommt jetzt auf den Namen der Hochschule an. Daran hat sich durch die neuen Abschlüsse nichts geändert."

Sarina Schäfer bewertet die Ergebnisse der Studie anders. Bis zum Sommer war sie Vorstandsmitglied im Studentenverband fzs, als studentische Bologna-Expertin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) verfolgt die Marburger Masterstudentin die Umstellung der Studiengänge konstruktiv-kritisch. Was die IW-Untersuchung angeht, eher kritisch: "Die Menge der Bachelorabsolventen in den Ingenieurswissenschaften ist noch zu klein, als dass sich hier großartige Erkenntnisse ableiten ließen." Tatsächlich geben die IW-Forscher selbst die Zahl der Bachelorabsolventen zwischen 2001 und 2007 mit gerade 6493 an – 2,2 Prozent von fast 300.000 frisch gebackenen Ingenieuren in diesem Zeitraum. Über die Berufschancen der neuen Abschlüsse sagt Schäfer: "Offenbar ist der Personalbedarf in den Ingenieurswissenschaften so riesig, dass die Unternehmen Absolventen ohne Rücksicht auf eventuell fehlende Qualifikationen einstellen."