Charlotte Kreft, 32, ist bei RWE

Charlotte Kreft hat ein Ungeheuer geschaffen, und sie ist stolz darauf: "Der Riese ist sehr beliebt bei uns im Haus", sagt sie. Das Haus ist das RWE-Hochhaus in Essen, 27 Stockwerke, viel Glas, viel Grau. Und der Riese, der ein wenig an Shrek, den Zeichentrickhelden, erinnert, dient nicht nur als Firmenmaskottchen und neue Identifikationsfigur – auf seinem breiten Rücken lastet viel mehr. Der Energieriese steht für ein gewandeltes Unternehmensimage. RWE hat sein grünes Bewusstsein entdeckt! Deshalb wachsen aus seinen Schultern Bäume, und Felsbrocken kleben an seinen Armen. In der Konzernzentrale gibt es ihn als Schlüsselanhänger, und bei Konferenzen ist er als Pappfigur zugegen. Irgendwo im Keller lagert ein übergroßer Kuschelriese, mit dem sich die Mitarbeiter fotografieren lassen. Seinen größten Auftritt hat der "Energieriese" in einem Kinowerbespot, wo er durch idyllische Landschaften stapft, Windräder anpustet, Wasserkraftwerke in Gang setzt und einen Braunkohletagebau bepflanzt. RWE hofft damit das triste Bild vom Atomkonzern in der Öffentlichkeit aufpolieren zu können. Maßgeblich daran beteiligt: Charlotte Kreft.

Guénola Kahlert kämpft für die Sache des WWF – und gegen die Atomkraft. Auch sie hat das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. © Gerard Cerles/AFP/Getty Images

"Dass der Konzern nach außen immer so negativ dasteht, das ist für keinen Mitarbeiter einfach", sagt die 32-Jährige. Ihre Aufgabe ist es, Identifikation zu ermöglichen – für die Mitarbeiter und für die Öffentlichkeit. Seit 2004 ist sie bei RWE, gekommen als Praktikantin, weil sie in ein Unternehmen wollte, das Kultur sponsert – geblieben, um nach außen zu tragen, was die Kultur des Konzerns sein soll. "Unser Riese zeigt das, woran wir glauben", sagt die Marketingfrau – dass der Konzern durch seine schiere Größe die erneuerbaren Energien stärken kann.

Charlotte Kreft ist Referentin der Abteilung Brand Communications. Sie hat Romanistik studiert und Soziologie, ihre Bachelorarbeit hat sie über Kultursponsoring geschrieben. Große Unternehmen fand sie schon immer spannend, die Energiebranche und erneuerbare Energien eher nicht: "Das hat sich so ergeben. Ich habe nicht gedacht, ich gehe zu RWE, um etwas in der Energiebranche zu bewegen. Ich bin da reingewachsen." Wenn sie heute von ihrer Arbeit spricht, sagt sie nicht "ich", sie ist angekommen im "wir" der RWE-Familie.

Doch wie poliert man ein Image auf, das so notorisch schlecht ist wie das eines Energiekonzerns – zu einer Zeit, in der alle vom Klimawandel und der nahenden Katastrophe reden und die öffentliche Berichterstattung auch noch die Moral der Belegschaft schwächt? Die Idee von ganz oben: ein neues, grünes Marketing. "Wir geben den Mitarbeitern etwas an die Hand, worauf sie stolz sein können", sagt Kreft. Der baumbewachsene Energieriese als Kuscheltier, ein Ungetüm mit der Mission Klimaschutz.

Kreft ist überzeugt von ihrem Auftragswerk. Obwohl die Klimabilanz des Stromkonzerns eine andere Sprache spricht als der Werbespot mit dem umweltbewussten "Energieriesen": Im vergangenen Jahr machten die regenerativen Energien gerade mal zwei Prozent der Stromproduktion des Konzerns aus. Ist es da nicht etwas vermessen, den Konzern als Umweltschützer zu inszenieren? "Ich habe mich bis jetzt nie unwohl gefühlt, die grüne Seite von RWE zu verkaufen", sagt sie, hoch aufgerichtet, die Hände ruhig auf dem Tisch. Charlotte Kreft kennt keine Zweifel. "Wir stehen zur Kernenergie. Das wollen wir weder leugnen noch verbergen." Sie bleibt gelassen, wenn Greenpeace ihrer Kampagne "greenwashing" vorwirft und nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass RWE in Deutschland an drei Standorten Atomkraftwerke betreibt. "Der eine steckt die Kritik besser weg, andere haben damit mehr Probleme."