DIE ZEIT: Herr Ramadan, wäre eine Volksbefragung in Deutschland zum selben Resultat gekommen wie die Abstimmung in der Schweiz?

Tariq Ramadan: Das ist die falsche Frage. Es geht nicht in jedem europäischen Land um Minarette. Jedes Land hat sein eigenes Symbol, unter dem die europäischen Muslime zum Angriffsziel werden. Was wir in Deutschland in den vergangenen Monaten gesehen haben, war eine Debatte über Moscheen. Frankreich streitet über Kopftücher oder die Burka. In den Niederlanden ist das Thema die Homosexualität. Und in Italien stehen die muslimischen Schulen im Mittelpunkt.

ZEIT: Der Streit ist doch überall derselbe.

Ramadan: Natürlich, die Debatten drehen sich um die Symbole für die neue Sichtbarkeit der muslimischen Europäer. Damit werden Angst und Misstrauen genährt. Aber dahinter steckt eine andere Diskussion: Vergangene Woche war ich auf einem Treffen in der Schweiz. Da sah ich diese Populistenpartei. Und die sprachen nicht über Minarette. Sie sprachen über eine Kultur, die für das Schweizer System nicht annehmbar sei.

ZEIT: Nochmals: Ein Referendum über Moscheen in Deutschland. Wie sähe das Resultat aus?

Ramadan: Das kann ich nicht sagen. Es könnte genauso überraschend sein wie das Schweizer Verdikt. Die Leute, die die Initiative lancierten, waren ja selbst überrascht. Die Vorhersagen sprachen nur von 40 Prozent Ja-Stimmen. Am Ende waren es 57 Prozent. Es ist sehr schwierig, Vorhersagen zu machen, wenn niemand sagt, was er stimmen wird.

ZEIT: Schon bald dürften Populisten in anderen Ländern Ähnliches versuchen wie die Schweizer.

Ramadan: Sie werden sicherlich Vorstöße machen. Was ich nicht sagen kann, ist, wie die Reaktion der Bevölkerungen ausfallen wird. 75 Prozent der Franzosen verbinden laut Umfragen den Islam mit Gewalt. Keiner weiß, wie da eine Abstimmung ausgehen würde. Das Misstrauen gegenüber Muslimen ist Realität.