Es war am Mittwoch vergangener Woche. Die Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey hatte in ihre prunkvollen Berner Räumlichkeiten zum Gespräch geladen. Irgendwann kam die Rede, natürlich, auf den bevorstehenden Abstimmungssonntag. Man fragte die Bundesrätin, wie sie dem Ausgang der Anti-Minarett-Initiative entgegensehe. Die Walliserin lächelte ihr einzigartiges Lächeln und sagte: "Ich bin zuversichtlich."

Fünf Tage später, am Montag dieser Woche, herrscht in den gleichen Räumlichkeiten aggressive Hektik. Frau Bundesrätin ist ununterbrochen am Telefon, um der erzürnten Welt zu erklären, wie das passieren konnte (siehe auch das Interview mit Calmy-Rey auf Seite 10 dieser Ausgabe). Das Land, das die Magistratin vertritt, hat der Schweizer Verfassung einen neuen Passus beigefügt. Im Artikel 72, Absatz 3, steht jetzt: "Der Bau von Minaretten ist verboten."

Die Elite des Landes hat sich grausam geirrt. Die Politik und die Wirtschaft waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie fast gänzlich auf einen Abstimmungskampf gegen die Initiative verzichteten. Dies zeigt, dass man sich von den wirklichen Fragen, die die Menschen bewegen, entfernt hat. Man tut so, als sei alles in bester Ordnung – und merkt nicht, dass unter einem die Erde bebt. Es ist deshalb gut, dass es die direkte Demokratie gibt.

Und sie muss jetzt gegen die Stimmen verteidigt werden, die ihr den Garaus machen wollen, weil sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden sind. Denn die direkte Demokratie hat die schöne Eigenschaft, ab und an einen Bericht aus der Wirklichkeit nach Bern zu schicken. Dort hatte man das unangenehme Thema in seltener Verantwortungslosigkeit unter den Teppich gekehrt.

Was hätte sich die Schweiz ersparen können, hätte der Bundesrat die Initiative als ungültig erklärt, weil sie unvereinbar mit den Grundrechten ist! Aber offensichtlich muss er jetzt fühlen, was er nicht gespürt hat.

Die Folgen allerdings sind fatal. Das Establishment des Landes hat es zugelassen, dass der Souverän die Muslime treten konnte, um die eigene Regierung zu treffen. Die Antwort wird nicht ausbleiben. Die Schweiz ist mal wieder auf einer Liste, und es ist keine graue mehr.

Das ist die Kernbotschaft, die fast 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nach Bern geschickt haben: "Wir haben Angst!" Man fürchtet um den eigenen Wohlstand, die schöne Lebensqualität, die Zukunft der Seinen. Diese Verunsicherung reicht bis weit in die vorwiegend sozialdemokratischen Mittelschichten hinein. Die Schweizer merken, dass etwas anders wird, sie fühlen sich bedrängt – und haben noch keinen Namen dafür. Sie verstehen nicht, wie ihnen geschieht.