Das Bundeshaus, eingezäunt und hinter einem Stoppschild, als verbotene Zone für Westschweizer: »Interdit aux Romands«. Derart Unerhörtes posaunte in großen Lettern das Westschweizer Nachrichtenmagazin L’Hebdo aus dem Hause Ringier vorige Woche von der Titelseite. Nur gerade zehn von 70 Schlüsselpositionen in der Bundesverwaltung seien noch von frankofonen Beamten besetzt. Und die beklagten sich bitter über ihre Situation. Anonym natürlich. Denn französischer Muttersprachler zu sein, so die unterschwellige Botschaft des Blattes, scheint in Bern unterdessen fast so gefährlich zu sein wie die Zugehörigkeit zu einer Untergrundorganisation. Die Eidgenossenschaft werde von Deutschschweizern verwaltet, und die wollten ungestört unter sich sein.

Was von Bern aus wie ein Sturm ins Welschland fegen sollte, kam dort als laues Lüftchen an. Bestenfalls die Beachtung einer Randnotiz fand der »scandale« aus dem Hause Ringier in der übrigen Westschweizer Presse. Und das will etwas heißen, fallen Skandale dort gewöhnlich doch auf fruchtbaren Boden. Diesmal freilich waren auch die besten Schlagzeilen-Texter ratlos: Wie soll man Empörung schüren über die Dominanz der Deutschschweizer in den Berner Ministerien, wenn gleichzeitig vier der fünf großen Landesparteien von Lateinern präsidiert werden?

Mit dem Walliser Christoph Darbellay (CVP), dem Freiburger Christian Levrat (SP), dem Genfer Ueli Leuenberger (GPS) und dem Tessiner Fulvio Pelli (FDP) sind die Romands und die Tessiner im Bundeshaus so stark vertreten wie kaum je in der 160-jährigen Geschichte des Bundesstaates. Nur die SVP setzt mit dem St. Galler Bauern Toni Brunner noch auf eine Deutschschweizer Führung. Und ausgerechnet sie legt in der Romandie seit Jahren massiver zu als jede andere Partei.

Der Befund ist eindeutig: Der Röstigraben füllt sich. Die Romandie hat den politischen Heiligenschein abgelegt, den ihr nach der verlorenen Volksabstimmung vom 6. Dezember 1992 über den EWR, den Europäischen Wirtschaftsraum, die enttäuschten Europafreunde aufgesetzt hatten. Als Gegenmodell zur isolationistischen und konservativen Landespolitik versuchte der Wortführer der Wohlmeinenden, der Ringier-Journalist Jacques Pilet, die sechs welschen Kantone zusammenzuschweißen. In der Krise der neunziger Jahre stieß dieser Westschweizer Chauvinismus auf offene Ohren. An allem und jedem Missstand war die »Hegemonie der Zürcher Blocherianer« schuld. Das löste kein einziges Problem, aber es tat gut. Doch inzwischen haben die »Piletisten« die Lufthoheit verloren und sind selber zum Angriffsziel geworden, wie alle, die in der welschen Politik zu hoch hinauswollen. »Wenn es nach denen ginge«, spottet CVP-Präsident Christoph Darbellay, »dann wäre die Romandie ein eigener Staat und müsste den G20 beitreten.«

Die Westschweiz wird zum Wirtschaftsmotor des Landes

Chauvinismus verfängt eben nur, solange die Realität keine positiven Perspektiven bietet. Diese düsteren Zeiten sind in der Romandie passé. Seit Anfang dieses Jahrzehnts hat sich der Genferseebogen, der arc lémanique, zum kräftigsten Wirtschaftsmotor des welschen Landesteils, wenn nicht des ganzen Landes entwickelt. Während die angeschlagene Zürcher Finanzindustrie die Deutschschweizer Wirtschaft stimmungsmäßig mit ins Tief zieht, herrscht in der vielfältigen »Cluster«-Welt um den Lac Léman eine Hochstimmung, in der jeder jeden anspornt. Die Genfer Privatbanken sind nur noch eine Säule von vielen in dieser breit diversifizierten Wirtschaftsregion. Ein Eldorado von internationalen Konzernhauptsitzen, weltweit führenden Luxusgüter- und Nahrungsmittelunternehmen, Weltsportorganisationen und innovativen Firmen zieht sich vom internationalen Genf bis zur Spitzenuniversität EPFL in Lausanne. Im Gefolge der internationalen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen hat sich Genf zum weltweit führenden Kompetenzzentrum für Soft Law entwickelt. Hinter London gilt die Rhonestadt neuerdings auch als Weltnummer zwei im internationalen Rohstoffhandel, dem Commodity Trading.

Das Wirtschaftsmärchen hat eigene Helden hervorgebracht, wie die Bertarellis und die Hayeks, mit denen sich die Region identifiziert. Die Romands haben gemerkt, dass das EWR-Nein nicht den Untergang der Westschweiz gebracht hat, wie ihnen dies die Piletisten vorgebetet haben. Es sind im Gegenteil Stimmen aus dem europäischen Umland, die sich heute am bittersten über die Schweizer Europapolitik beklagen. Aus den bilateralen Verträgen sei eine »unilaterale Angelegenheit zugunsten der Genfer geworden«, schimpfte neulich der Präfekt des französischen Departements Hochsavoyen. »Sie importieren von uns die besten Arbeitskräfte und Jobs und exportieren uns ihre Wohnungsnot.«

Zwar ist die Romandie der europäischen Integration gegenüber immer noch aufgeschlossener als die Deutschschweiz. Aber der Unterschied schmilzt seit Jahren. Vor allem bei den unter 30-Jährigen ist eine verblüffende Angleichung an den Deutschschweizer Konservatismus festzustellen. Die Volksinitiative für ein Bauverbot von Minaretten wurde am Wochenende in Genf nur knapp abgelehnt. Jura, Freiburg und Wallis stimmten sogar zu. Die nationale Kohäsion, die Zugehörigkeit zur Schweiz, ist für die Romands heute so wichtig wie nie mehr in den vergangenen 20 Jahren. Dies geht aus der neusten Ausgabe der breit angelegten Befindlichkeitsstudie Die Romandie unter der Lupe des Instituts M.I.S. Trend hervor.

Einher geht die politische Annäherung paradoxerweise mit einer sprachlichen Abwendung. Die Deutschkenntnisse der Romands, immer schon deutlich schlechter als die Französischkenntnisse der Deutschschweizer, haben sich in den letzten Jahren in einem beängstigenden Ausmaß weiter verschlechtert. Zur traditionellen Ausrichtung auf Frankreich ist eine zunehmend dominante Fixierung auf die angelsächsische Welt gekommen. 57 Prozent der Romands bereitet die Idee, Englisch als Lingua franca zwischen den schweizerischen Sprachregionen einzuführen, heute kein Bauchgrimmen mehr.

Es ist dies wohl die verhängnisvollste Gegenreaktion auf den »Piletismus«, der jedes Sprachenproblem zwischen Welsch und Deutsch zu einer ideologischen Grundsatzfrage stilisierte. Das hat viele pragmatische Lösungen erschwert. Doch die Indifferenz, die sich inzwischen breitmacht, verbaut eben auch den nüchternen Blick auf die praktischen Probleme, die sich im Zusammenleben von vier Sprachregionen ergeben.

Diese Probleme gibt es tatsächlich. Denn übertrieben hat L’Hebdo in seiner reißerischen Story allenfalls bei der Wortwahl, bei den Fakten nicht: Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung von über 20 Prozent, stünden den Frankofonen mindestens 14 der 70 höchsten Berner Chefposten zu – und nicht nur die zehn, die das Blatt auflistet. Wobei, krasser als an der geringen Zahl lässt sich die Untervertretung der Romands am geringen Gewicht ihrer Posten ablesen. Vier der zehn sind ausdrücklich nicht für das Fällen politisch relevanter Entscheide zuständig, sondern lediglich für deren Bekanntmachung: André Simonazzi tut dies als Vizekanzler für die Gesamtregierung, Jean-Marc Crevoisier, Dominique Bugnon und Christoph Hans sind die Kommunikationschefs ihrer Departementschefs, der Bundesräte Burkhalter, Leuenberger und Leuthard. Auch Patricia Schulz, die Direktorin des eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, gehört nicht zu den Schwergewichten in Bundesbern. Gleiches lässt sich sagen von Jean-Marie Jordan, dem Chef der Spielbankenkommission. Schwergewichtiger sind da schon Jean-Frédéric Jauslin, der Direktor des Bundesamtes für Kultur, und Jean-Luc Vez, der Direktor des Bundesamtes für Polizei.

Dort aber, wo es um die ganz großen Brocken geht, findet sich noch ein einziger Romand: Yves Rossier, der Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherung. Die zehn obersten Positionen im Finanzministerium hingegen und die zwölf höchsten Chargen im Verteidigungsministerium befinden sich ausnahmslos in Deutschschweizer Hand.

Genug Stoff eigentlich für einen handfesten sprachpolitischen Skandal, möchte man meinen. Und im eidgenössischen Parlament findet sich von links bis rechts auch kaum jemand, der die Angelegenheit verharmlosen möchte. »Wir müssen verflixt aufpassen, dass wir in der Bundesverwaltung nicht belgische Verhältnisse kriegen«, warnt CVP-Präsident Christoph Darbellay. Neu freilich ist diese Sorge nicht. »Wir mahnen die Untervertretung der Romands beim Bundesrat seit Jahren an, aber verbessert hat es sich nicht«, sagt die Genfer Sozialdemokratin Maria Roth-Bernasconi von der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission. Immerhin will sie inzwischen eine »gewisse Sensibilisierung« festgestellt haben.