Zum Umweltschützer wurde ich fast von alleine. Als ich mich vor neun Jahren mit meinem alten Fiat nicht mehr auf die Autobahn traute, aber schnell nach München musste, nahm ich die Bahn. Das klappte so gut, dass ich das noch mal und dann immer wieder machte. In die Redaktion fuhr ich ohnehin mit der U-Bahn, denn wenn ich abends nach Hause zurückkam, gab es in meinem Wohnviertel keine Parkplätze mehr. Und ein Auto nur für den Wochenendausflug ans Meer – war ich wahnsinnig?

Ich verkaufte den Fiat. Danach wirkte ich offenbar so befreit, dass auch meine Frau ihren Wagen abschaffte. Seitdem sind wir ein autoloses Paar.

Wir brauchen für die Fahrt ins Grüne und fürs Einkaufen jetzt etwas länger, aber seit in unserem Freundeskreis jeder von CO₂ spricht, sind wir die ökologischen Pioniere. 10,88 Tonnen CO₂ im Jahr erzeugt ein Deutscher im Durchschnitt, davon macht das Auto rund anderthalb Tonnen aus. Trotz Bahnfahrten und gelegentlicher Flüge sparen wir durch unseren doppelten Autoverzicht zweieinhalb Tonnen im Jahr – fantastisch!

Es gab Zeiten, da glaubte ich wirklich, dass angesichts des steigenden Meeresspiegels viele Menschen bald auch verzichten würden. Dass die Städte den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und an nahezu jeder Straßenecke einen Carsharing-Parkplatz eröffnen würden.

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Natürlich gab es immer wieder jemanden, der es nicht fassen konnte, dass wir freiwillig ("Frei-wil-lig?!") kein Auto mehr hatten – als sei das ein Schicksal von Randständigen und Spinnern. Und in der S-Bahn wurde ich zweimal fast zusammengeschlagen – von Leuten, die mir im eigenen Auto niemals begegnet wären. Bei unseren Umzügen hatten wir es nie leicht, die ideale Wohnung zu finden – angebunden an den öffentlichen Nahverkehr, mit Geschäften um die Ecke.

Wir wiederum waren ziemlich erstaunt, dass die meisten unserer Nachbarspaare in Hamburg-Eimsbüttel trotz der U-Bahn-Station in der Nähe nicht ein Auto haben. Sondern zwei. Eins in der Tiefgarage und eins, mit dem sie abends parkplatzsuchend um den Block kurven. Dass zu diesen Paaren auch Kinder gehören, wurde uns erst richtig bewusst, als unsere Tochter geboren wurde und wir einen Blick für Kinder entwickelten. Und unser Lifestyle-Experiment sich zum Überlebenstraining wandelte.

Als berufstätige Eltern mit zweijährigem Kind kommt es auf einmal auf zehn Minuten an. Zehn Minuten, die der überfüllte Bus meiner Frau oft zu spät kommt. Oder gar nicht. Zehn Minuten, die ich auf meinem hastigen Heimweg noch schnell in einen Laden renne, in der Hand schon zwei oder drei Jutebeutel prall gefüllt mit Babygläschen und Windeln – ein unaufhörliches Einkaufen, das unsere Nachbarn einmal in der Woche im Großmarkt erledigen. An Wochenenden wird ein kleiner Trip an die Elbe durch Wartezeiten, Umsteigen und alkoholisierte Mitfahrer zur tagesfüllenden Nervtour. Zumal es die Hamburger Hochbahn selbst in unserem Stadtviertel (dem mit der wohl größten Kinderdichte Hamburgs) noch nicht geschafft hat, in ihren Bahnhöfen Fahrstühle einzubauen, damit man Kind und Kinderwagen nicht über die Treppe zum Zug schleppen muss. Und zum leidenschaftlichen Fahrradfahren sind wir samt Kind zugegebenermaßen nicht tough genug in einer Stadt, in der viele Radfahrer einen Fuß- oder Unterkieferbruch im Jahr durch Autos und/oder andere Radler fast für normal halten.