Der Ruf der Wildnis beschrieben. Er entwirft eine Welt aus Bergen, Schnee und Eis, in die zerstörerisch die Zivilisation einbricht. Er feiert aber auch die Unbezwingbarkeit der Natur. Wer wie ich als Kind Jack London gelesen hat, der sehnt sich für immer nach dem Gebirge als dem erhabenen Gegenteil der Städte, nach dem stillen schneebedeckten Land, dessen Schönheit den Menschen bezähmen kann.

Im Naturzustand ist der Mensch am menschlichsten, sagt die romantische Schule der Moralphilosophen. Im Naturzustand ist der Mensch ein Vieh, behaupten ihre Gegner. Ob wir uns demzufolge der Natur annähern oder von ihr entfernen sollten, diese alte Frage bewegt bis heute jeden Städtebewohner. Denn je lauter, dreckiger, hektischer unsere Städte uns erscheinen, desto dringender wollen wir raus ins Grüne. Ich habe diesen Fluchtimpuls schon lange. Er kommt nicht nur aus der Anschauung von Landschaften, sondern auch aus der Lektüre von Büchern. Eines meiner frühen Lieblingsbücher handelt von einem Schlittenhund, der im Jahr 1897 von Goldsuchern durch die tödlichen Schneestürme Alaskas gehetzt wird. Wie es dem Tier gelingt, aus der grausamen Gesellschaft der Menschen auszubrechen und zurückzukehren in die Freiheit, das hat Jack London in seiner Erzählung

Meine Naturliebe kommt aus dem Naturverlust. Sie ist nicht ökologisch, sondern sentimental. Sie ist angelesen, aber auch eingeübt während vieler Winterurlaube, die von Anfang an, seit ich auf Skiern stehen kann, das herrlich weiße, belebend kalte Andere waren zur grauen Chemiearbeiterstadt Halle. Wie sehr meine Heimat nach den Abgasen von Buna und Leuna stank, fiel mir immer erst auf, wenn wir aus dem Skiurlaub kamen, der alljährlich im Erzgebirge stattfand, in sanft ansteigenden Höhenlagen von tausend Metern. Das kam mir damals wild vor. Die Waldeinsamkeit, das Ächzen der Kiefernäste. Ich träumte davon, eines Tages für immer im Gebirge zu bleiben. Dass es dort auch Autos gab und dass die Einheimischen in den tödlichen Schlünden des Uranbergbaus schufteten, fiel mir nicht auf.

Im Garten meiner Kindheit fiel das Umweltgift vom Himmel. Es waren die achtziger Jahre in der DDR, mit saurem Regen, Chlorluft und einer feinen Staubschicht auf allem selbst gepflückten Obst. Bevor man einen Apfel aß, musste man ihn abwaschen. Erst abwaschen! Das war der elterliche Warnruf, der durch die Gärten schallte. Die Dichter schrieben apokalyptische Lyrik, die auf Verse endete wie: "Natürlich bleibt nichts, nichts bleibt natürlich." Trotzdem fuhren wir Skifans fröhlich und ohne Katalysator gen Fichtelberg.

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Warum zerstören die Menschen, was sie lieben? Vielleicht, weil die geliebte Natur noch immer so unbesiegbar erscheint, besonders im Winter, wenn der Schnee unsere Umweltsünden verdeckt. Mittlerweile fahre ich nicht mehr ins Erzgebirge, sondern in die Alpen, ich war schon oft in den Rocky Mountains. Dort oben, auf 4000 Meter Höhe, wo einem der eisige Wind ins Gesicht bläst, geht die gefühlte Erderwärmung gegen null. Wenn man das richtige Gebiet wählt, ist vom Schneemangel nichts zu merken, und sobald man sich in die Tiefe stürzt, gerät man in einen Adrenalinrausch des Vergessens. Ja, ich leide wie viele Zeitgenossen an einer umweltzerstörerischen Natursehnsucht, und es gibt leider so schöne gewissensberuhigende Möglichkeiten, sie auszuleben. Mein Winterquartier liegt im Nationalpark Hohe Tauern: eine Almhütte, vor der man selbst Holz hackt und deren Strom von einem kleinen Wasserkraftwerk am Gebirgsbach erzeugt wird. Für diese Illusion vom sauberen Winter fahre ich von Hamburg nach Kärnten zweimal tausend Kilometer.

Echter Naturschutz müsste damit beginnen, die eigene Sehnsucht nach der Wildnis als moralische Verwilderung zu fürchten. Ich fürchte mich aber nicht. Als typischer Stadtflüchtling folge ich nicht der Stimme der Vernunft, sondern dem Ruf der Wildnis. Dass ich weder Mikrowelle noch Geschirrspüler besitze – das sind Ausreden. Irgendwann möchte ich einmal nach Alaska an den Klondike River. Das ist mein Traum, den zu verwirklichen unzivilisiert scheint, doch die Flüge nach Nordamerika sind billig. Um in die Wildnis zu gelangen, ist mir jedes Mittel recht.