Als meine Familie und ich noch in der Großstadt wohnten, mitten in Berlin, da war die Sache einfach: All die Menschen in den Vororten, in den entlegenen Neubaugebieten, sie waren irgendwie gestrig - und ein Problem für die Welt von morgen. Der Flächenfraß! Die weiten Wege! All die Energie, die für ihre Art zu leben draufgeht!

Seit wir vor einem Jahr in einen Vorort gezogen sind, in ein entlegenes Neubaugebiet, rede ich mir ein, dass man die Sache auch "differenzierter sehen" kann.

Es ging damals für uns von Berlin nach Hamburg. Mutter, Vater, zwei Kinder. Als wir die Immobilienanzeigen lasen, war schnell klar: In der neuen Stadt nah bei der Arbeit wohnen? Ein anscheinend modernes Altbauleben führen? Das würde hier sehr teuer. Je größer in unseren Modellrechnungen die Kosten wurden, desto stärker wurde unser Drang ins Grüne. Auch wenn dieses Grün nicht grün ist.

Wir kauften ein Grundstück am Stadtrand. 24 Kilometer von der Arbeit entfernt.

© ZEIT-Grafik

Wie zur Strafe setzte er sofort ein, der innere Monolog der Moderne, bei dem das alte Gewohnheitstier im Menschen mit dem jungen Umweltengel streitet, der seit einiger Zeit durch unser Bewusstsein flattert: je weiter draußen das Haus, desto dicker die Dämmung! Oder je dichter die Fenster, desto mehr Autokilometer erlaubt? Nicht mehr nur apokalyptisch veranlagte Zeitgenossen führen angesichts der Nachrichtenlage ihr persönliches Kyoto-Protokoll, mal mehr und mal weniger verlogen. Zum Bäcker fahren oder laufen? Die Bahn dem Billigflug vorziehen? Trotz oder wegen Millionen Auto fahrender Chinesen nur noch in der Lüneburger Heide Urlaub machen? Was früher undurchdachter Alltag war, ist zum Abwägen geworden, jedes Tun und Lassen bilanzierbar – ob in der Maßeinheit CO₂ oder Gewissensbiss.

Also versuchten meine Frau und ich beim Hausbau jeden Kilometer Entlegenheit wieder wettzumachen – mit einer Art energetischem Ablasshandel. Dreifachverglasung: 5000 Euro. Erdwärmepumpe: 10.000 Euro. Fußbodenheizung: klingt zwar mondän, spart aber Energie, weil sie nur 35 Grad warmes Wasser braucht. Und kostete uns noch mal 5000 Euro.

Als schließlich die Frage nach einer eigenen Solaranlage aufkam, war der Umweltengel überstimmt. Nachhaltigkeit ist erst einmal sehr teuer.