Das Auto lebt in uns. Selbst wenn heute überdeutlich ist, dass in einer klein und flach gewordenen Welt mit hervorragenden Kommunikationsmitteln und fantastischen Technologien für öffentlichen Nah- und Fernverkehr, die an zu vielen Emissionen zugrunde zu gehen droht, das Auto nichts anderes als ein Anachronismus ist, ist seine Zeit noch lange nicht vorbei – es ist in unserer kulturellen Identität verankert wie kaum etwas anderes. Der Kapitalismus befriedigt Sinnbedürfnisse über Konsumchancen, und das Auto liefert Spaß, Macht, Distinktion, Freiheit, Komfort, Technologie und Sound – also das Maximum an konsumierbarem Sinn. Das Auto bildet eine mentale Infrastruktur, und alle Infrastrukturen strukturieren nicht nur Gegenwarten, sondern auch die Denkbarkeit von Zukünften; sie bilden Gravitationszentren des Gegebenen.

Hier muss ich autobiografisch werden. Seit ich mich mit Fragen des Klimawandels beschäftige, steht mir die Notwendigkeit eines radikalen Wandels unseres Lebensstils, und das heißt notwendigerweise auch und vor allem unserer Mobilitätskultur, glasklar vor Augen. In jeder Diskussion komme ich auf die Themen Energie, Emissionen und Mobilität zu sprechen und verleihe regelmäßig meiner tiefen Überzeugung Ausdruck, dass es pathologisch ist, mit großvolumigen Geländewagen durch Großstädte zu fahren. Die klimatische Großgefahr, die Oiloholiker-Gesellschaften wie die unsere eingehen, um an ihren Stoff zu kommen, steht für mich völlig außer Frage, aber nichts davon hat mich bis jetzt dazu bringen können, meine Autos abzuschaffen.

Sie haben richtig gelesen: Autos. Ich besitze dieses unzeitgemäße Verkehrsmittel sogar im Plural. Immerhin habe ich es vorletztes Jahr geschafft, meinen Bestand von drei auf zwei Fahrzeuge zu verringern, und ich darf zu meiner Entschuldigung vorbringen, dass ich die Autos zwar besitze und dafür Steuern, Versicherungen, Garagenmieten, Reparaturen, TÜV-Abnahmen sowie hin und wieder Ersatzteile und Pflegemittel bezahle, sie aber kaum fahre. Warum? Weil sie mir zu unpraktisch sind. Auf Distanzen bis zu 10 Kilometern ist das Fahrrad in jeder Hinsicht überlegen, auf Distanzen über 50 Kilometern ist die Bahn weitaus besser, und dazwischen liegt bei mir nichts an, und wenn es das täte, gäbe es noch den öffentlichen Nahverkehr. Ich habe die Autos nur deswegen, um sie zu haben, sie haben keinerlei Gebrauchswert, sind, mit Marx gesprochen, reiner Fetisch.

Warm eingepackt: Harald Welzer mit einem seiner Lieblinge

Das ist zugegebenermaßen merkwürdig, denn ich sollte Autos meiner eigenen Überzeugung nach ja nicht lieben, sondern mindestens so verabscheuungswürdig finden wie zum Beispiel Kohlekraftwerke, und ich sollte mich von diesem Verkehrsmittel des 20. Jahrhunderts so einfach, schlicht und umstandslos verabschieden wie von meinem Stromanbieter. Mach ich aber nicht. Um dieses merkwürdige, mir selber seltsam fremde Verhalten aufzuklären, hilft vielleicht ein Blick in meine Vergangenheit.

Ich bin 1958 geboren, also nicht ganz so alt wie die Bundesrepublik, aber doch alt genug, um den Hauptteil ihrer Entwicklung live miterlebt zu haben. Da ich aus sogenannten kleinen Verhältnissen komme, gab es zunächst bei uns kein Auto, vom Opel Rekord Caravan meines Opas abgesehen, aber der hatte ein Geschäft und gehörte in meiner kindlichen Theorie über die Welt ohnehin einer anderen Seinssphäre an. Mein Vater hatte allerdings ein Motorrad, und zwar zunächst eine DKW, später dann eine Adler, die er skrupellos der Witwe eines Mannes abgekauft hatte, der sich damit zu Tode gefahren hatte.

Ich erinnere mich bis heute geradezu körperlich daran, auf dem Tank jener Adler gesessen zu haben und mich am metallisch glatten Lenker festgehalten zu haben, unter mir der vibrierende und lärmende Motor, der Geruch von Zweitaktgemisch, mein älterer Bruder auf dem Schwingsattel hinter meinem Vater. Meine Erinnerung an das Objekt ist weit intensiver als jene an den Vorgang des Fahrens, und wahrscheinlich ist hier die erste Spur jener fetischhaften Objektfixierung zu finden, die bis in meine Garage führt. Das muss 1962 gewesen sein; da wurden drei Millionen motorisierte Fahrzeuge in Westdeutschland produziert, und zum ersten Mal war ein Umweltthema in einem Wahlkampf aufgetaucht: Der Himmel über der Ruhr müsse wieder blau werden, hatte Willy Brandt gefordert.