Die ZEIT:

Tony Blair: Die gute Nachricht ist: Alle sind an Bord. Die Herausforderung ist: Gerade deshalb ist es so schwierig. Beim Klimagipfel von Kyoto ging es noch darum, ein Signal zu senden – in Kopenhagen geht es darum, eine Lösung zu finden. Und das zwischen Nationen auf einem sehr unterschiedlichen Entwicklungsstand. Darum geht es im Kern zwischen den USA und China.

ZEIT: Ist der Gegensatz unauflösbar?

Blair: Wir brauchen in der Tat eine radikale Revolution. 2050 hört sich weit weg an, aber bis dahin muss der Durchschnittsamerikaner seinen CO₂-Ausstoß auf ein Zehntel des heutigen runterfahren – das geht nicht ohne einen revolutionären Wandel. Und wenn Länder wie Indien und China nicht irgendwann einen Höhepunkt in ihren Emissionen erreichen und sie danach absenken, dann nützen uns, global betrachtet, die Einsparungen nichts, die wir im Westen machen müssen. Um es drastisch zu sagen: Wenn Großbritannien morgen komplett dichtmachen würde, würde allein Chinas CO₂-Anstieg die Einsparung binnen zwei Jahren wieder zunichtemachen.

ZEIT: Ein Streit vor Kopenhagen lautet: Sollte der Westen eine Umstellung auf eine umweltfreundlichere Wirtschaft in Ländern wie China finanziell unterstützen. Sollte er?

Blair: Im Grundsatz ja. Es ist ja nicht so, dass China oder Indien mit ihren neuen Kraftwerken hinterher wären bei Umwelt- und Effizienzkriterien. Das Problem ist das Erbe der Vergangenheit, also alte Fabriken und Kraftwerke. China steckt aus eigener Kraft beträchtliche Summen in saubere Energien, vierzig Prozent des chinesischen Konjunkturpakets fließen direkt oder indirekt in saubere Energien. Aber nehmen Sie den Rest der Schwellenländer, da ist es nicht immer einfach, vorbildliche Lösungen zu finden ohne finanzielle Unterstützung.

ZEIT: Sie sprechen davon, eine Revolution sei nötig. Wird das ohne Opfer abgehen?

Blair: Der Wandel wird nicht möglich sein, ohne dass wir unsere Methoden der Energiegewinnung radikal ändern, unsere Art, Häuser zu bauen und Fahrzeuge anzutreiben. Ich persönlich glaube aber nicht, dass wir das jemals erreichen werden, wenn wir den Leuten sagen, ihr dürft nicht mehr konsumieren. Und selbst wenn es in Ländern wie Deutschland und Großbritannien funktionieren würde: China industrialisiert sich gerade im drei- bis vierfachen Umfang der USA, und das mit fünffacher Geschwindigkeit. Wenn Sie da sagen: Fahrt kein Auto, hört auf zu konsumieren, dann haben Sie die Auseinandersetzung schon verloren.

ZEIT: Aber wären Sie nicht freier als aktive Politiker, unangenehme Wahrheiten wie etwa Verzicht zu predigen?

Blair: Ja, ich bin freier, aber es gibt eine Gefahr, wenn man nicht mehr im Amt ist: Ratschläge zu erteilen, die man selbst niemals angenommen hätte, als man noch im Amt gewesen ist. Darum arbeite ich mit der Climate Group zusammen, einem Bündnis von Unternehmen gegen den Klimawandel. Meine Erfahrung ist, wir müssen die Unternehmen an Bord bekommen, wenn wir Erfolg haben wollen.

Die Fragen stellte Patrik Schwarz