Die Hamburger Museen sind am Ende, und wenn es nach den Regeln der Marktwirtschaft ginge, müssten sie noch heute zumachen, für immer. Doch keines wird geschlossen, und das allein gilt schon als Erfolg. Während sich die Stadt Hamburg vorige Woche ein Sparprogramm in Milliardenhöhe verordnet hat und viele über die scharfen Schnitte klagen, bleiben die Museen weitgehend verschont. Sie müssen jede fünfte Stelle streichen, mehr nicht. Ein Bankrott ist es dennoch.

Wohl in keiner anderen Stadt lässt sich derzeit so eindrucksvoll wie in Hamburg beobachten, was vielen deutschen Museen bevorsteht: Sie werden kaputt geschrumpft. Niemand droht offiziell mit Schließung, und doch ist das Aus allgegenwärtig: das Aushöhlen, Ausdünnen, womöglich bald der Ausverkauf. Räumt die Depots, veräußert Teile eurer Sammlung, nur so kommt ihr wieder zu Geld! Immer lauter werden in Hamburg die Stimmen, die von den Museen verlangen, sich selbst zu Markte zu tragen.

Hubertus Gaßner ist nicht zu beneiden. Er arbeitet in einer der reichsten Städte der Republik, leitet eines der größten Kunstmuseen, die Hamburger Kunsthalle – und weiß doch kaum, wie er im nächsten Monat den Strom bezahlen soll. Er hat keinen festen Etat für Ausstellungen, er hat auch kein Geld für Forschung, selbst für wichtige Restaurierungen braucht er einen Sponsor. Und wenn Gaßner ein Bild oder eine Skulptur kaufen möchte, muss er erst einmal jemanden finden, der ihm den Kauf finanziert. Manchmal gelingt ihm das auch, im vorigen Jahr zum Beispiel, als er zwei Bilder von Christoffer Wilhelm Eckersberg erwerben konnte, einem der wichtigsten dänischen Maler des 19. Jahrhunderts. Zeigen allerdings konnte Gaßner die Werke nicht, denn selbst für gute Bilderrahmen fehlt ihm das Geld.

Rund eine Million Euro Schulden hat die Kunsthalle im vorigen Jahr gemacht, für dieses Jahr wurden zwischenzeitlich fast 1,5 Millionen gemeldet. Und den meisten anderen der insgesamt sieben städtischen Museen in Hamburg ergeht es nicht besser. Erst vor zwei Jahren waren sie entschuldet worden, mehr als 13 Millionen Euro hatte die Kultursenatorin Karin von Welck dafür aufgebracht. Doch schon wieder sind die Museen tief ins Defizit gerutscht, wie kürzlich bekannt wurde. Schon wieder fehlen sechs Millionen. In der Stadt beginnt es böse zu grummeln.

Seit genau zehn Jahren werden die Hamburger Museen als Stiftungen geführt. Das hat den Vorteil, dass sie ihr Geld selbstbestimmter ausgeben können als zuvor. Doch gibt es auch einen gravierenden Nachteil: Die Museen werden nun oftmals wie Unternehmen behandelt und nach ökonomischer Logik bewertet. Während in jenen Städten, die ihre Kunsthäuser den Kulturämtern unterordnen, mögliche Defizite im Dickicht der Haushalte verborgen bleiben, herrscht in Hamburg Transparenz – und harsch wird über ihre Lage diskutiert. "Die Museen müssen sich ganz warm anziehen", sagt zum Beispiel Karl-Heinz Ehlers.

Ehlers ist einflussreich, saß 35 Jahre lang für die CDU in der Bürgerschaft, noch heute berät er als Sprecher der Kulturdeputation den Senat. Er will nicht verstehen, warum die Museen mit ihrem Geld nicht auskommen – und weiß, wie sich die Misere lösen ließe: "Ich glaube, dass Bilder sich im Foyer von Unternehmen einer größeren Aufmerksamkeit erfreuen als im Keller der Kunsthalle", sagt Ehlers. Einzelne Werke zu verkaufen zahle sich also gleich dreifach aus: für den Käufer, für die Kunst und für das Museum.

Der Kunsthallen-Direktor Gaßner will sich zu solchen Vorschlägen nicht äußern. Dabei wird er auch im eigenen Haus zum Verkauf gedrängt, von seinem Stiftungsrat, der als Aufsichtsgremium die Kunsthalle kontrolliert. Von diesem wurde Gaßner sogar aufgefordert, eine Liste aller entbehrlichen Kunstwerke vorzulegen.