Wer traut sich, in eine Chili zu beißen?«, fragt Abraham, der Besitzer eines Gewürzgartens in der südindischen Stadt Thekkady im Bundesstaat Kerala. Die meisten aus unserer Reisegruppe ducken sich beim Anblick der roten Schote und schütteln die Köpfe. Wer weiß schon, was so eine indische Chili in einem ungeübten Magen anstellt? Zwei knabbern an der Spitze. »Ist nicht so schlimm«, presst Christian aus Mainz tapfer heraus, während die Kanadierin Nelly rot anläuft. Mich trifft es hart, denn ich habe mir vor lauter Übermut eine ganze Schote in den Mund gesteckt. Ich schwitze, schnappe nach Luft. Ausspucken bringt wenig, einige Minikerne bleiben unter meiner Zunge haften. Für einen Moment verfluche ich die Entdeckungsreise, auf der ich mich befinde, und denke: »Jetzt sterbe ich in Indien ! An einer Chili!« Abraham reicht mir eine Kakaobohne. Ich greife benommen zu, lutsche langsam und erhole mich schnell. »Muss man auch mal gemacht haben«, sage ich in die Runde. Plötzlich ist es wieder da: das Gefühl, etwas erlebt zu haben.

Meine Abenteuerlust hatte ich nach meiner Studentenzeit mit dem Rucksack im Keller gelassen. Der Grund: weniger freie Tage, mehr Erholungsbedarf. Während ich früher wochenlang durch Europa und Südamerika reiste und mich danach wochenlang von Flohstichen und Magenverstimmungen erholen musste, war mir in den letzten zwei Jahren mehr nach Ruhe in einer Finca auf Mallorca . Auf die Idee, eine Gruppenreise zu buchen, wäre ich nie gekommen. Trotzdem nehme ich gerade an einer zweiwöchigen Rundfahrt teil, die Best of Southern India heißt. Angeboten wird sie von Gebeco unter der Marke goXplore. Das Konzept ist neu: Man reist bei mäßigem Komfort in kleinen, internationalen Gruppen; die Umgangssprache ist Englisch. So will der Veranstalter junge Individualtouristen als Kunden gewinnen. Er verspricht eine Pauschalreise ohne die üblichen Zwänge. Nur Route, Hotels und Transporte stehen fest. Wir sollen uns fühlen wie Backpacker, nur eben etwas betreuter.

Ein indischer Reiseleiter hält uns wie eine Schafherde zusammen: 15 Abenteurer, vom Studenten bis zur Rentnerin, aus Deutschland, Australien , Kanada , Großbritannien und den USA . Was ich in den 14 Tagen machen werde: zehn Hindutempel in den südindischen Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu besichtigen, auf der Suche nach Elefanten und Tigern den tropischen Urwald des Periyar National Parks in Kerala durchstreifen, Teepflückerinnen in den grünen, kühlen Nilgiribergen bei der Arbeit ausfragen, mit den Fingern Curry essen und auf einem Elefanten reiten. Was ich nicht machen werde: herausfinden, wann der nächste Zug fährt, wo man sich für das Ticket anstellt und wie man einen fairen Preis für ein Quartier aushandelt. Nur riechen, schmecken, fühlen, sehen und hören muss ich noch selber. Doch ist das Abenteuer genug?

Der Reiseleiter organisiert Briefmarken und eine Yogastunde für Nelly

Die Reise beginnt anders als früher: mit einer Packliste, die den Reiseunterlagen beiliegt! So etwas habe ich zuletzt vor Schulausflügen bekommen. Klar, es ist gut gemeint. Aber ich fühle mich nicht ernst genommen, wenn mir jemand sagt, dass ich an Wecker und Kamera denken soll. Dann stehen auch noch Film und Batterien darauf. Wer fotografiert denn noch analog? Ich frage mich: Was ist, wenn Reise und Mitreisende nicht zu mir passen?

Nervös warte ich an der Rezeption des ersten Hotels neben einem Plastikaufsteller des Reiseveranstalters auf die anderen. Nach einer Begrüßungsrunde gehen wir los: Beim Bummel in der entspannten Stadt Kochi merke ich, was es heißt, mit einer Gruppe in Indien unterwegs zu sein. Die Menschen drehen sich nach uns um. Wer Postkarten, geschnitzte Götterfiguren oder Flöten zu verkaufen hat, stürzt sich auf uns. Das ist anstrengend und gut zugleich: Früher fiel ich immer allein auf. Jetzt kann ich mich in der Gruppe verstecken. Die Verkäufer schicke ich weiter. Mit Erfolg: Die Britin Danielle lässt sich den Arm mit Hennamotiven vollstempeln und gibt dafür übertrieben viel Trinkgeld.

Abends gehen wir in ein Restaurant, wo es keine indischen Gäste gibt, aber Bananenpfannkuchen, Pasta allarrabbiata und zu milde Currys. Mir vergeht der Appetit. Warum kein richtiges indisches Essen? »Noch nicht. Erst müssen sich alle an die Gewürze gewöhnen«, sagt Isaac, unser Reiseleiter. Er hat keine Lust auf verdorbene Mägen. Wir warten ewig auf das Essen, weil das Restaurant damit überfordert ist, dass wir alle einzeln bestellen. Die meisten Mitreisenden zücken ihr Handdesinfektionsmittel und reiben ihre Teller mit einer Serviette sauber. Jetzt bin ich froh, dass keine Inder hier sind.