Wir sind noch zu retten – Seite 1

Angenommen, es käme ein ganz dicker Brocken auf die Menschheit zu. Einer mit einem Durchmesser von mehreren Kilometern. Wenn er in einen Ozean stürzte, würden meterhohe Tsunamis über die Erde schwappen. Schlüge er auf festem Boden ein, wären Kontinente von der Verwüstung bedroht.

Angenommen, die Nasa entdeckte einen solchen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde, was würde wohl geschehen? Es gäbe sofort ein weltweites Einverständnis, die tödliche Gefahr mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen – wie in dem Film Armageddon, in dem ein Team um den Schauspieler Bruce Willis schließlich die Menschheit rettet.

Leider ist der Klimawandel kein solches Objekt, gegen das auf der Erde leicht mobil zu machen wäre. Und doch droht er mit einer Mega-katastrophe wie der im Film. Der exzessive Verbrauch von Kohle, Öl und Gas lässt die Durchschnittstemperatur steigen – so schnell und so stark, wie es wohl seit vielen Jahrmillionen nicht geschehen ist. Gletscher verschwinden, der Nordpol wird eisfrei, der Eispanzer auf Grönland schmilzt. Allein dadurch wird der Meeresspiegel um sieben Meter steigen, langfristig. Bereits kurzfristig geraten Küstenstädte wie Hamburg, New York, London und Shanghai in Not. Feuchtere Regionen werden vermutlich feuchter werden, trockene noch trockener. Es drohen Dürren und Überflutungen, Hungersnöte und Völkerwanderungen.

Wo ist der Bruce Willis des Klimawandels?

Die Menschheit, die um all dies weiß, streitet darüber, ob sie das Unheil wirklich abwenden will. Wer dafür zuständig ist. Und wann. Die bereits unabwendbare und alles andere als harmlose Erwärmung um zwei Grad sei für dieses Verhalten schon "die Klatsche", sagt Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Uni Kiel. Das Desaströse wolle der Mensch einfach "nicht wahrhaben", sagt er. Jedenfalls nicht, solange er es nicht sehen kann wie einen Meteoriten.

Bleibt es bei den zwei Grad mehr? Oder werden doch drei, vier, fünf, sechs oder gar sieben Grad daraus, wird also die globale Durchschnittstemperatur demnächst nicht fünfzehn, sondern zwanzig Grad betragen? Darüber beratschlagen in den kommenden zwei Wochen Regierungsvertreter aus fast allen Staaten der Erde in Kopenhagen. Sie treffen sich seit 1995 bereits zum fünfzehnten Mal, um darüber zu reden. Doch das Problem ist seitdem nicht kleiner, sondern größer geworden. Der jährliche Ausstoß von Kohlendioxid, der für den unguten Trend zu den heißeren Zeiten vor allem verantwortlichen Substanz, ist heute um ein Drittel höher als 1995, im Jahr der ersten Weltklimakonferenz, die in Berlin abgehalten wurde.

Das ist grotesk. Und es ist kein gutes Omen für das Kopenhagen-Konklave.

Soll das Zwei-Grad-Ziel in Reichweite bleiben, dürfen die weltweiten Emissionen im Jahr 2050 nur noch halb so groß sein wie 1990. Im Vergleich zum CO₂-Ausstoß des Jahres 2008 müssen sie sogar um zwei Drittel sinken.

 

Die paar Grad mehr auf der Celsiusskala sind nicht so schön gruselig wie Meteoriten, aber genauso verheerend. Wenn es gut gehen soll, muss der weltweite CO₂-Ausstoß –vollkommen entgegen dem bisherigen Trend – ab jetzt sinken. Erreicht er sein Maximum erst später, müssen die Menschen danach noch größere Wunder vollbringen. Denn jedes Jahr Verzögerung verlangt dann anschließend bis 2050 eine stärkere jährliche CO₂-Minderung: gut fünf Prozent, wenn der Emissionsgipfel 2015 erreicht wird; neun Prozent, wenn noch bis 2020 Jahr für Jahr mehr CO₂ in die Luft gelangt (siehe Grafik). Neun Prozent weniger CO₂ pro Jahr, das sei "nur im Rahmen einer Kriegswirtschaft" möglich, ließ vor Kurzem John Schellnhuber wissen, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Damit es gut geht, kommt auf die rund drei Dutzend Industrieländer noch mehr zu. Sie müssen sich schneller als der Rest der Welt von Kohle, Öl und Gas trennen, damit die bisher zu kurz gekommenen Entwicklungs- und Schwellenländer wenigstens noch ein bisschen davon verbrennen können, ohne das Klima zu ruinieren. Genauer gesagt: Die reichen Länder, auch Deutschland, müssen sich in nur vier Jahrzehnten ausgerechnet von jenen Stoffen lossagen, die seit der Erfindung der Dampfmaschine aus toter Materie technisch nutzbare Kraft machen. Die ihnen zu Reichtum verhalfen. Und auf denen bis heute ihre Zivilisation beruht.

In 40 Jahren schon können Bremen und Hamburg bedroht sein

Vier Jahrzehnte, das ist eine so kurze Zeitspanne, dass fast die Hälfte der heute in Deutschland lebenden Menschen noch persönlich erleben wird, ob der Abschied von Kohle, Öl und Gas gelingt, oder ob der steigende Meeresspiegel Hamburg und Bremen bedroht. Die Herausforderung in so kurzer Zeit zu bewältigen, verlangt weit mehr als normalen Strukturwandel. Auch der ökologische Umbau, der in den vergangenen dreißig Jahren Gewässer und Atemluft in vielen Industrieländern sauberer gemacht hat, war im Vergleich eine leichte Übung. Für den notwendigen Schwenk in so kurzer Zeit gebe es "kein historisches Beispiel", sagt der Konstanzer Geschichtsprofessor Jürgen Osterhammel. Er hat ein Buch über das Zeitalter der Industrialisierung geschrieben. Es heißt "Die Verwandlung der Welt".

Unabhängig davon, wie sich die Diplomaten und Minister, die Staats- und Regierungschefs in den nächsten Tagen in Kopenhagen entscheiden – die Welt verwandeln werden sie auf jeden Fall. Drücken sie sich davor, konsequenten Klimaschutz zu vereinbaren, werden die Folgen der Erwärmung das Gesicht der Erde dauerhaft verändern. Einigen sie sich auf ein wirksames Programm zum Klimaschutz, fällt der Startschuss für eine gesellschaftliche Transformation, die allenfalls fundamentalen Umbrüchen wie der Sesshaftwerdung der Menschheit nahekommt.

Genau damit vergleicht Claus Leggewie, der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, die Herausforderung des Klimaschutzes. Er drückt damit auch seine Skepsis aus. Da sollen alle sieben, demnächst acht oder sogar neun Milliarden Menschen in nur 40 Jahren von den fossilen Energien entwöhnt werden beziehungsweise erst gar nicht die Gewohnheit daran entwickeln? "Im Prinzip geht das nicht", sagt Leggewie, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU), der die Bundesregierung in der Sache berät.

Technisch ginge es schon. Längst ist bekannt, wie sich wohnen, wirtschaften und reisen ließe, ohne das Klima zu ruinieren. Zwar müssten die Menschen ihr Verhalten ändern, aber viele Probleme ließen sich auch quasi maschinell lösen. Die Menschheit müsste nicht einmal auf grundlegende Erfindungen hoffen. "Der Umbau ist ohne Weiteres möglich", sagt Jürgen Schmid, Professor für elektrische Energietechnik an der Universität Kassel und weltweit einer der besten Kenner der Materie.

In der Tat lassen sich Häuser so bauen oder umbauen, dass sie im Winter ohne Heizungen auskommen. Der Erdatmosphäre blieben viele Milliarden Tonnen Kohlendioxid erspart.

Die globale Autoflotte, rund eine Milliarde Pkw, fährt heute ausschließlich mit Verbrennungsmotoren, jeder davon ein kleiner Klimakiller. Soll die Erwärmung zwei Grad nicht übersteigen, müssen die Fahrzeuge der Zukunft emissionsfrei angetrieben werden, zum Beispiel von Elektromotoren. Die gibt es sogar schon länger als Verbrennungsmotoren. Auch Batterien werden seit hundert Jahren industriell hergestellt; sie müssen nur noch besser werden. Neues erfinden? Unnötig, sagt der Energiefachmann Schmid. Das Vorhandene müsse nur "optimiert" werden.

 

Das elektrische Fahren wird allerdings nur klimaneutral, wenn auch der Strom dafür CO₂-frei ist. Das Gleiche gilt für alle elektrischen Dienstleistungen. Die Stromwirtschaft ergrünen zu lassen wäre deshalb die wichtigste Herausforderung.

Auch sie lässt sich bewältigen. Technisch ließe sich sogar ein Vielfaches des heutigen Strombedarfs emissionsfrei erzeugen, selbst dann, wenn aus Naturschutzgründen auf die Nutzung von Biomasse verzichtet würde. Allein Sonne, Wind, Erdwärme und Wasserkraft könnten 200-mal mehr Strom liefern, als gegenwärtig weltweit verbraucht wird, hieß es vor Kurzem in dem amerikanischen Fachblatt The Electricity Journal; bisher werden weniger als 0,09 Prozent dieses schier unerschöpflichen Potenzials genutzt.

Die beiden US-Forscher Mark Jacobson und Mark Delucchi haben ausgerechnet, welche Infrastruktur in den kommenden zwanzig Jahren aufgebaut werden müsste, um die Welt vollständig mit grünem Strom zu versorgen. Das Ergebnis: 1,7 Milliarden Photovoltaikanlagen auf Hausdächern, 3,8 Millionen Windturbinen und 49000 solarthermische Kraftwerke – unter anderem. Das scheint enorm viel zu sein. Verglichen mit den 73 Millionen Pkw und Lieferwagen, die jedes Jahr gebaut werden, ist es in Wirklichkeit wenig.

Zu den grünen Kraftwerken kämen intelligente Stromnetze und Stromautobahnen, die ganze Kontinente vernetzen. Sie zu errichten ist kein Kinderspiel, es ist aber auch keine Sisyphosarbeit. Jacobson und Delucchi glauben, dass die weltweite Energiewende sogar im D-Zug-Tempo vollzogen werden könnte. Nicht erst bis zum Jahr 2050, sondern schon bis 2030. Jürgen Schmid ist ähnlich optimistisch – und seiner Meinung schließen sich immer mehr Naturwissenschaftler an.

Und die Ökonomen? Laut Internationaler Energieagentur (IEA) müssen in den kommenden Jahren immense Summen in die weltweite Energie-Infrastruktur gesteckt werden: 254 Billionen US Dollar bis zum Jahr 2050, auch ohne entschlossene Klimaschutzpolitik. Trotz der immensen Investitionen werde der CO₂-Ausstoß steigen, statt zu sinken, prophezeit der Thinktank der Industrieländer. Deshalb ist diese Aussicht wenig erbaulich.

Bruce Willis würde sagen: Das ist kein übler Deal

Doch es gibt eine bessere: Investierte die Menschheit noch etwas mehr in ihr Energiesystem, dann hätte sie die Chance, dass es auf der Erde tatsächlich nur um zwei Grad wärmer würde – wenn sie die Gesamtsumme in die richtige Technologie steckte. In grüne nämlich und in solche, die es ermöglicht, aus einer Kilowattstunde mehr herauszuholen. Bis 2050 sind laut IEA weltweit zusätzlich 45 Billionen Dollar nötig.

Das klingt gewaltig, doch aufs Jahr heruntergebrochen, ist das nicht mehr als das, was Italien heute jährlich erwirtschaftet. Der Clou dabei: Die zusätzlichen Investitionen finanzieren sich quasi selbst, durch eingesparte Ausgaben für Kohle, Öl und Gas. Bloß weil die Gewinne später kommen, als die Kosten entstehen, erscheinen sie aus heutiger Sicht vielleicht ein bisschen kleiner. Doch die Mehrkosten ersparten der Menschheit die teuren Folgen der Erwärmung.

Kein übler Deal, würde Bruce Willis sagen.

Unbezahlbar wäre Klimaschutz jedenfalls nicht. "Die Kosten sind gering oder fallen langfristig kaum ins Gewicht", sagt Karsten Neuhoff, Leiter des Berliner Büros der Climate Policy Initiative. Allerdings müsse die Politik "den richtigen Rahmen setzen", damit die Energierevolution in Gang kommen könne.

Genau da beginnt das Problem. Denn wenn sie Erfolg haben wollen, müssen die Politiker der Energiewirtschaft und den Energieverbrauchern sehr viel zumuten.

 

Entgegen verbreitetem Glauben ist herkömmliche Energie nicht knapp, sondern in der Erdkruste noch reichlich vorhanden. Die wirtschaftlich förderbaren Vorkommen von Öl und Gas, vor allem aber von Kohle sind sogar dermaßen groß, dass es für wirklich apokalyptische Erwärmungsszenarien reicht. Verhindern lassen die sich nur, wenn die Menschheit darauf verzichtete, all diesen Stoff zu verfeuern.

Genau gerechnet auf drei Viertel davon. Organisieren müsste diese Verzichtsleistung die Politik – vor allem dadurch, dass sie dem Ausstoß von Kohlenstoff einen Preis verpasst. Weltweit. Und schnell. Ohne globalen Kohlenstoffmarkt lasse sich das Zwei-Grad-Ziel nicht erreichen, sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts und leitender Mitarbeiter beim Weltklimarat.

Immerhin – Barack Obama, Wen Jiabao, Angela Merkel und einige Dutzend Staats- und Regierungschefs mehr bewegen sich: nach Kopenhagen und in Richtung Klimaschutzpolitik. Nur bleibt das Tempo ihrer Bewegung hinter dem Tempo des Klimawandels zurück, was wenig Anlass zu Optimismus gibt.

Wie sagt der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie? "Im Prinzip geht das nicht." Also Land unter? Oder geht es doch? Wie und wodurch? Das ist die Frage, die Leggewie eigentlich interessiert. Einige Antworten hat er gefunden.

Hoffen lassen ihn die von einem internationalen Forschernetzwerk seit einigen Jahrzehnten erhobenen Daten zum Wertewandel. Sie lassen auf einen Trend zu wachsendem ökologischem Bewusstsein schließen. Lebensstile verändern sich, verlassen die Nische des "Alternativen", erfassen Meinungsführer und wandeln zu sich zu neuen Routinen im täglichen Leben. Medien, Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda transportieren den Bewusstseinswandel. Er sei weiter vorangeschritten, als oft gedacht werde, sagt Leggewie.

Mut macht ihm auch, dass gut informierte Bürger auf der ganzen Welt einsehen: "Weiter so" heißt, dass künftige Generationen es einmal schlechter haben werden. Und die betroffenen jungen Menschen wissen es erst recht. "Die stärksten Treiber sozialer Bewegungen und politischer Mobilisierung sind Generationenbrüche", sagt Leggewie.

Verstärkt werde der Wandel, weil er im Einklang mit einem ökonomischen Megatrend stehe: mit dem Trend zu "grünem" Wachstum. Nicht Sachzwänge seien der Feind der Klimapolitik, sondern die Neigung politischer Systeme, am altindustriellen Denken festzuhalten.

All das sind Umstände, die gern als "weich" bezeichnet werden. Ob sie schnell genug zu harten politischen Fakten werden? Vielleicht. Leggewie bleibt skeptisch. Er sagt aber immerhin, dass es "den Hauch einer Chance" gebe.

Mehr hat Bruce Willis nie gebraucht.

Alarmstufe Rot © ZEIT Grafik