Die ZEIT: Frau Bundesrätin, die Schweiz hat soeben als erstes Land der Welt den Bau von Minaretten verboten. Was ist da schiefgelaufen?

Micheline Calmy-Rey: Wir leben in einer Zeit tief greifender Veränderungen, der Druck auf die Menschen ist groß. Der Bundesrat und alle politischen Kreise, die klar gegen diese Volksinitiative waren, haben diese Ängste unterschätzt.

ZEIT: Wie erklären Sie den Erfolg der Initiative?

Calmy-Rey: Es hat mit der Unsicherheit vieler Menschen in unserem Land zu tun, mit der Angst vor dem Unbekannten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Es ist auch eine Reaktion auf die globalisierte Welt, die für viele unheimlich geworden ist. Das Ja zur Minarett-Initiative ist aber nicht gegen die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz gerichtet, sondern eher ein Alarmsignal an die Adresse des Bundesrats.

ZEIT: Zeigt sich hier, dass das System der direkten Demokratie seine Grenzen hat?

Calmy-Rey: Ich gebe zu bedenken, dass viele Entscheide von außenpolitischer Tragweite, wie der Beitritt zu Schengen, die Freizügigkeit im Personenverkehr oder die UN-Mitgliedschaft vom Volk mit deutlicher Mehrheit angenommen worden sind. Es braucht bei diesen Themen große Anstrengungen in der sachlichen Information. Im Fall der Abstimmung über die Minarett-Initiative wurde die öffentliche Diskussion durch falsche Behauptungen getrübt. Die Initiative wurde von einer politischen Partei instrumentalisiert, welche in der Regierungsverantwortung steht. Dies ist inakzeptabel.

ZEIT: Welche Folgen wird dies für die internationalen Beziehungen der Schweiz haben?

Calmy-Rey: Die Schweiz ist nach diesem Ja zum Minarett-Verbot außenpolitisch unter Druck. Einmal mehr ist es unsere Diplomatie, die hier ihr Bestes geben muss, um den Schaden zu begrenzen. Ich kann nur hoffen, dass uns das gelingen wird. Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt: in Gesprächen mit den Verantwortlichen der Organisation der Islamischen Konferenz und der Arabischen Liga, über unsere Botschaften zu den Regierungen ihrer Gastländer.

ZEIT: Wie geht der Bundesrat, der sich gegen die Initiative ausgesprochen hatte, damit um, dass ihm die Mehrheit des Volkes nicht gefolgt ist?

Calmy-Rey: Der Entscheid ist gefällt, und es gilt, ihn zu respektieren. Der Bau neuer Minarette ist untersagt, nicht aber die Einrichtung neuer Moscheen. Die muslimische Gemeinschaft ist in der Schweiz gut integriert und wird die 200 Moscheen wie bisher besuchen können. Auf einem anderen Blatt steht, was passiert, falls der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte feststellen sollte, dass die Bestimmung die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt.