DIE ZEIT: Herr Minister de Maizière, Ihre Vorgänger haben sich gern als entschiedene Vertreter von Law and Order präsentiert. Sie dagegen erklären, Sie wollten nicht der Polizeiminister sein. Brechen Sie mit zehn Jahren Sicherheitspolitik à la Schily und Schäuble?

Thomas de Maizière: Nein. Ich glaube nicht, dass in der klassischen Sicherheitspolitik, auch im Kampf gegen den Terror, in der Vergangenheit des Guten zu viel getan worden ist. Ich stehe voll dazu und habe auch als Chef des Bundeskanzleramtes intensiv daran mitgewirkt. Aber wer ausschließlich von Sicherheit redet, verengt den Blick auf das Amt des Bundesinnenministers. Ich will die Breite dieses Ministeriums deutlich machen. Eine Kehrtwende im Bereich der öffentlichen Sicherheit bedeutet das nicht.

ZEIT: Sie haben gesagt, man könne nicht für jede Gefahr ein Gesetz machen. Das klingt schon nach einer Abgrenzung von der Vergangenheit.

de Maizière: Der Innenminister muss der Bevölkerung deutlich machen: Wir kümmern uns um eure Sicherheit. Das bedeutet auch, dass man sich Mühe geben muss, Sicherheit auszustrahlen. Ich finde, es ist ein Problem, wenn der Innenminister als jemand wahrgenommen wird, der spaltet und Unsicherheit verbreitet. Deswegen versuche ich, Sorgen eher zu relativieren als hervorzurufen.

ZEIT: Sie wollen die Bevölkerung in Zukunft nicht mehr durch ständige Terrorwarnungen verunsichern. Aber hängt das nicht von der Bedrohungslage ab?

de Maizière: Wir sind wachsam, aber ohne Angst. Angst ist ein Zeichen von Schwäche, und Angst ist das, was Terroristen erzeugen wollen. Ich habe keine Neigung, das Geschäft der Terroristen zu befördern. Stolze Demokraten müssen nicht ängstlich sein gegenüber Leuten, die die Aufklärung wegbomben wollen. Natürlich müssen wir wachsam sein. Der Westen ist bedroht. Das kann man offen aussprechen, muss es aber nicht dramatisieren.

ZEIT: Gäbe es morgen einen Anschlag, würde es heißen: Der de Maizière war einfach zu soft.

de Maizière: Es wird keinen Millimeter Abstriche am Sicherheitsniveau geben. Das Risiko, dass etwas passiert, bleibt immer. Sie können ein solches Amt nicht annehmen, wenn Sie ein solches Risiko zu tragen nicht bereit sind. Auch wenn man warnt, entlastet man sich nicht von diesem Risiko – weder innerlich noch vor der Bevölkerung und vor dem lieben Gott auch nicht. Das hat mit "weich" nichts zu tun.

ZEIT: In Zeiten eines global agierenden Terrorismus gibt es keine Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit. Mit dieser These hat Ihr Vorgänger den Einsatz der Bundeswehr im Inneren gefordert. Wie stehen Sie dazu?

de Maizière: Ich teile diese Position. Ich weiß aber auch, dass sie eine Grundgesetzänderung voraussetzt, die es in der gegenwärtigen Koalition nicht geben wird. Es macht wenig Sinn, laufend über Dinge zu diskutieren, die politisch nicht durchsetzbar sind.