DIE ZEIT: An den Hängen des Vesuv stehen die Villen der Wohlhabenden dicht an dicht – dabei kann der Vulkan jederzeit wieder ausbrechen. Warum wohnen die Menschen dort?

Andreas Ernst: Der unmittelbare Nutzen in diesem Fall – ein einzigartiger Ausblick – liegt nah, das Risiko hingegen liegt fern in der Zukunft. Das wägt man ab und entscheidet zugunsten der Gegenwart. Nur wenn in der eigenen Lebensspanne eine Katastrophe eingetreten ist, wenn man sie also am eigenen Leib gespürt hat, reagiert man auf die Gefahr anders. Wir arbeiten sehr kurzfristig, wenn wir unser Gedächtnis verwalten. Eine erzählte Katastrophe ist für uns letztlich keine.

ZEIT: Wie sollen dann Europäer angesichts des Klimawandels umlernen? Es geht uns hier und jetzt gut. Der Schaden ist anderswo, später.

Ernst: Neben der Bequemlichkeit gibt es aber das menschliche Bedürfnis, nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Je älter man wird, desto spürbarer wird das. Die Frage, wie es mit der eigenen Straße, dem eigenen Dorf, der eigenen Stadt in den nächsten fünfzig Jahren weitergehen soll, stellt sich jedem. Und dann überlegt man doch, was sich tun lässt.

ZEIT: Sie erforschen seit Jahren das Zusammenspiel von Motivation, Information und Handlungsveränderungen. Eine Ihrer Erkenntnisse haben Sie auf die Formel gebracht: "Denn sie tun nicht, was sie wissen." Haben wir es also in Sachen Klimawandel weniger mit einem Wissens- als einem Umsetzungsproblem zu tun?

Ernst: Man muss nicht sehr gebildet sein, um zu begreifen, dass Ressourcen endlich sind. Und man muss keine Details der klimatischen Zusammenhänge kennen, um zu sehen, dass die enorme industrielle Belastung der Atmosphäre eine Veränderung des Handelns in eine bestimmte Richtung dringend nahelegt: nämlich sehr wenig an endlichen Ressourcen zu verbrauchen. Aber beim Handeln sind wir noch nicht so weit. Wir haben es beim ökologischen Umbau der Gesellschaft mit einem komplizierten Ineinander von Hindernissen und Möglichkeiten zu tun.

ZEIT: Die einen sagen, es ist längst zu spät, umzusteuern, die anderen sagen, Eile tut not. Was ist in dieser Situation vernünftig? 

Ernst: Mit diesem Paradox müssen wir leben: Eile braucht tatsächlich Weile. Wer jetzt die Waffen streckt und sagt, es ist zu spät, handelt unverantwortlich. Aber die Maßnahmen, die man ergreift, müssen auf tragfähigen gesellschaftlichen und politischen Übereinstimmungen beruhen, wenn sie langfristig wirksam sein sollen. Was sicher schnell geht, sind Effizienzsteigerungen in der Wirtschaft. Was langsam geht, sind kulturelle und normative Veränderungen. Eine Hauruck-Politik ist nicht nachhaltig. Stark ist ein Staat nicht, wenn er schnell Verbote durchsetzt, sondern wenn er demokratisch stark legitimiert ist.