Wenn man die Männer am Platz Kotai Sangi fragt, ob Amerika gut daran tut, mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken, schweigen die meisten, denn die Frage spielt für ihr Leben eine geringe Rolle. Diese Männer sind Tagelöhner. Sie hocken von morgens bis abends wie Vögel auf einem Mäuerchen und warten, bis jemand vorbeikommt, um ihnen ein Stück Arbeit hinzuwerfen wie Brosamen von einem reich gedeckten Tisch – einen Dollar verdienen sie am Tag, wenn sie überhaupt Arbeit bekommen. Kontakt mit dem Westen haben die Tagelöhner von Kotai Sangi nur, wenn waffenstarrende Humvees der Nato mit heulenden Motoren an ihnen vorbeibrausen. Soldaten? Schulterzucken.

Und doch können diese Männer Aufschluss darüber geben, ob Barack Obamas Entscheidung auch eine Chance auf Erfolg hat oder besser: unter welchen Bedingungen es möglich wäre, dass die 30.000 zusätzlichen US-Amerikaner den "Job in Afghanistan", wie es Obama nennt, zu einem guten Ende bringen.

Da ist zum Beispiel die Straße nach Khai Khane, einem boomenden Stadtviertel von Kabul. "Die ist vor einem halben Jahr gebaut worden", sagt ein Mann namens Daud. "Jetzt ist sie schon wieder kaputt. Wie kann das sein?" Da nicken seine Kollegen auf ihrem Mäuerchen. Daud nimmt das als Aufforderung, Tacheles zu reden: "Das Geld für die Straße wird abgezweigt! Die Regierung müsste das kontrollieren. Sie müsste die Verantwortlichen bestrafen. Aber das tut sie nicht, weil sie korrupt ist." Wieder nicken die Tagelöhner von Kotai Sangi, ganz einmütig in ihrem Urteil.

Aber was hat die Meinung von Tagelöhnern schon für ein Gewicht, wenn es um eine weltpolitisch so bedeutende Frage geht wie Obamas Truppenaufstockung? Nun, ein sehr großes. Denn die Tagelöhner kommen herum, sie sehen und erleben viel, und die Geschichten, die sie in Kotai Sangi erzählen, wandern weiter, sie gehen von Ohr zu Ohr in den Straßen und Häusern Kabuls. Sie setzen sich in den Köpfen ihrer Bewohner fest und werden dort zur Gewissheit, dass es keine Gerechtigkeit gibt in diesem Afghanistan. In der Sprache der Politik hieße das: Der politischen Klasse fehlt es an Legitimation, weil die Mehrheit des Volkes nicht glaubt, dass sie von ihr geschützt wird. In der Sprache der Militärs würde man sagen: Die Regierung verliert den Kampf um Herzen und Hirne der Afghanen. Und wer das verliert, verliert alles – darin sind sich Politiker und Militärs einig.

"Deshalb ist die Entsendung von Truppen nicht entscheidend", sagt Aziz Rafie vom Afghan Civil Society Forum, "entscheidend ist, ob das helfen wird, soziale Gerechtigkeit zu schaffen!" Es klingt sehr verwegen, von sozialer Gerechtigkeit zu reden, wenn es doch darum geht, einen Krieg zu gewinnen. Doch Rafie sieht da einen klaren Zusammenhang: "Die Menschen werden nur auf ihrer Seite sein, wenn sie ihnen Gerechtigkeit bieten." Das bedeute ja nicht, dass Afghanen einen Sozialstaat oder eine Justiz nach deutschem Muster wollten; sondern, so Rafie, dass die "Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden". Doch genau das sehen die Afghanen nicht.

Als Präsident Hamid Karsai für seine zweite Amtszeit vereidigt wurde, stand an seiner Seite Mohammed Fahim. Diesen Mann bezeichnete Brad Adams, Präsident der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, als einen der "schlimmsten Verbrecher mit viel Blut von Afghanen an den Händen". Dort stand er nun, und 500 ausländische Gäste waren gekommen, um seine Vereidigung zum Vizepräsidenten mitzuerleben. Auch Guido Westerwelle war da und applaudierte, genauso wie Frankreichs Kouchner, Englands David Miliband und Amerikas Hillary Clinton. "Es ist gut", sagt Rafie, "wenn klar wird, dass der Westen Afghanistan nicht allein lässt. Das ist eine wichtige Botschaft. Aber genauso wichtig ist, dass er um seine Werte kämpft, und dazu gehören Menschenrechte!" Die Entsendung zusätzlicher Soldaten, das ist die Botschaft, ist nur dann sinnvoll, wenn sie um diese Werte auch kämpfen. Männer wie Fahim dürfen keine Partner sein.

"Das klingt ja alles sehr schön, und es ist auch richtig", sagt ein Mann einer Hilfsorganisation, der ungenannt bleiben will, "doch sind das Träumereien. Soziale Gerechtigkeit? Die Regierung kann doch gerade mit Mühe und Not rudimentäre Gesundheitsversorgung aufrechterhalten." Die Zahlen sind niederschmetternd: Neun Millionen Afghanen müssen laut einer EU-finanzierten Studie von knapp 50 Cent am Tag leben; 90 Prozent verfügen über keinerlei Sanitäranlagen. Unicef hat ermittelt, dass 60 Prozent der afghanischen Kinder unter fünf Jahren unterernährt sind, 257 von 1000 lebend geborenen Kindern sterben, das ist die weltweit höchste Kindersterblichkeitsrate. Die 30.000 neuen Soldaten kommen also in eines der ärmsten Länder der Welt, sie kommen in ein Land, das auf dem Korruptionsindex von Transparency International weltweit an zweiter Stelle steht.

1000 US-Soldaten in Afghanistan pro Jahr kosten nach Berechnungen der Washington Post eine Milliarde Dollar. Als die Tagelöhner von Kotai Sangi diese Zahl hören, schauen sie kurz verlegen. Man sieht förmlich, wie sie zu zählen beginnen, wie sich in ihren Köpfen die Zahlenreihen gefährlich türmen. "Eine Milliarde Dollar, das ist: 100 Millionen, oder?", sagt Daud. "Nein, das ist viel mehr!" Da werden Daud und seine Kollegen sehr nachdenklich.